virtuelles Geschichtsheft für den Unterricht am städtischen Louise-Schroeder-Gymnasium in München                                 

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Bismarck und die deutschen Kolonien

 
1. Einleitung
2. Politik Bismarcks 1871-1884
2.1. Reichskanzler Otto von Bismarck
2.2. Bismarcks Politik
2.2.1. Außenpolitik
2.2.2. Innenpolitik
2.2.3. Kolonialpolitik
3. Die Phase der Gründung der Kolonien 1884-1888
3.1. Imperialismus in Westeuropa
3.2. Gründe für die Entscheidung Bismarcks für die Kolonialpolitik
3.2.1. Innenpolitik
3.2.2. Wirtschaft
3.2.3. Außenpolitik
3.3. Einstellung des Parlaments zur Kolonialpolitik
3.3.1. Nationalliberale
3.3.2. Konservative
3.3.3. Zentrum
3.3.4. Linksliberale
3.3.5. Sozialdemokraten
3.4. Bismarck Raffinesse in der Kolonialpolitik
3.5. Erwerb der Kolonien
3.5.1. Kolonialgesellschaften
3.5.2. Beginn der Kolonialgründung
3.6. Resultate der Kolonialpolitik Bismarcks
4. Kolonialpolitik unter Wilhelm II. nach 1888
4.1. Wilhelminische Kolonialpolitik
5. Schlußbetrachtung
6. Literatur- und Quellenverzeichnis
Quellen
Sekundärliteratur
Tertiärliteratur
 
1. Einleitung
"So lange ich Reichskanzler bin, treiben wir keine Kolonialpolitik. Wir haben eine Flotte, die nicht fahren kann... und wir dürfen keine verwundbaren Punkte in fernen Weltteilen haben, die den Franzosen als Beute zufallen, sobald es losgeht"3, sagte Bismarck 1881.
Welche Umstände 1884 den Reichskanzler Otto von Bismarck trotz seiner Skepsis gegenüber Kolonien veranlaßt haben, Gebiete im Übersee unter deutschen Schutz zu stellen, soll in diesem Referat erläutert werden. Es werden ökonomische, innen- und außenpolitische Gründe besprochen, die dazu beigetragen haben, die 30 Jahre dauernde Kolonialepoche in Deutschland anzufangen. Dabei wird besonders auf das Verhältnis Bismarcks zu anderen Kolonialmächten im Zusammenhang mit seiner Bündnispolitik in Europa eingegangen.
Außerdem werden Argumente der Parteien im Parlament genannt und das Verhältnis dieser zu Bismarck analysiert. Weiterhin wird die Kursänderung in der Kolonialpolitik nach der Thronbesteigung des Kaisers Wilhelm II. und die damit zusammenhängende Entlassung Bismarcks 1890 beleuchtet.
Da die Betrachtung der nichteuropäischen Kolonialmächte (wie USA o.ä.) den Rahmen dieses Referats sprengen würde und weil Bismarcks Außenpolitik sich zum großen Teil auf Europa beschränkte, wollen wir uns in dieser Arbeit auf den okzidentalen Imperialismus beschränken. Das soll nicht heißen, dass alleine Europa im 19.-20. Jahrhundert Kolonien besessen hat.
Auch Probleme in den Kolonien, u. a. Aufstände der Eingeborenen, Gegenmaßnahmen des Reiches sollen nicht erläutert werden..
 
2. Politik Bismarcks 1871-1884
 
2.1. Reichskanzler Otto von Bismarck
Nach dem Deutsch-Französischen Krieg 1870/71, bei dem Frankreich gegen die deutschen Staaten unter Führung Preußens verlor, wurde Bismarck Reichskanzler im neu gegründetem Deutschen Kaiserreich. Außerdem übernahm der frühere Ministerpräsident von Preußen das Amt des Außenministers. Der preußische König Wilhelm I. ließ sich am 18. Januar 1871 zum Deutschen Kaiser proklamieren. Politisch verhielt sich der Kaiser sehr passiv. Auch wenn ihm die Politik Bismarcks nicht immer gefiel, ließ er ihn agieren und legitimierte sein politisches Handeln.
 
2.2. Bismarcks Politik
2.2.1. Außenpolitik
Das Hauptziel Bismarcks war es, Frieden in Europa zu sichern. Dies gelang durch eine komplizierte Bündnispolitik. Der Reichskanzler erklärte das Deutsche Kaiserreich für "saturiert", also nicht expansionswillig. Bismarck sah Frankreich als einen möglichen Unruhestifter in Europa, da es in Frankreich nach dem Deutsch-Französischen Krieg Revanchegefühle gegenüber dem Deutschem Reich gab. Diese entstanden dadurch, dass Frankreich die größten Teile Elsaß‘ und Lothringens, wo sich große Eisenerzvorkommen befanden, an Deutschland abtreten und 5 Milliarden Francs Reparationen zahlen musste. Bismarck wollte den "Status quo" in Europa erhalten und war deswegen nicht an Auseinandersetzungen mit Nachbarstaaten interessiert. Isolation Frankreichs war praktisch das Ziel aller Bündnisse.
1878 wurde infolge von Spannungen zwischen Russland und Deutschland ein Zweibund aus Österreich und Deutschland gegründet, der 1882 durch den Beitritt Italiens zum Dreibund erweitert wurde. 1881 konnte das Verhältnis zu Russland durch das Dreikaiserbündnis (Deutschland, Österreich, Russland) verbessert werden. 1887 wurde ein Rückversicherungsvertrag mit Russland geschlossen, der eine Neutralität Russlands bei einem Konflikt Deutschlands mit Frankreich versicherte.
2.2.2. Innenpolitik
Bismarck ging zunächst mit Nationalliberalen zusammen, die ihn in der Wirtschaftspolitik und im Kulturkampf gegen die katholische Kirche und das Zentrum von 1871 bis 1878 unterstützten. Mit dem Pontifikat Leos XIII. (1878-1903) normalisierte sich das Verhältnis Deutschlands zur Kirche. Ab 1878 begann Bismarck sozialdemokratische Vereinigungen zu bekämpfen, die infolge der fortschreitenden Industrialisierung schnell erfolgreich wurden. Bismarck befürchtete eine Revolution der Arbeiter. Am 21. Oktober 1878 wurde das Sozialistengesetz beschlossen, das alle Sozialdemokratischen Vereinigungen, die den "Umsturz der bestehenden Staats- und Gesellschaftsordnung" zum Ziel hatten und Gewerkschaften verbot. Ab 1883 wurden Sozialversicherungen als weiterer Schutz vor einem Arbeiteraufstand von Bismarck eingeführt.
2.2.3. Kolonialpolitik
Bismarck legte den Schwerpunkt seiner Politik auf die Erhaltung des "Status quo" in Europa. Er wollte nicht die Nachbarstaaten durch Erwerb von Kolonien reizen und dadurch möglicherweise einen Krieg auslösen. Besonders befürchtete er Probleme mit England, die eine expansive Kolonialpolitik Deutschland als unfreundlichen Akt ("unfriendly rivalry") werten könnte. Ein Angebot der Franzosen 1871, die ihren Kolonialbesitz in Cochinchina an das Deutsche Reich abtreten wollten, lehnte Bismarck ab: "O! O! Cochinchina" Das ist aber ein sehr fetter Brocken für uns; wir sind aber noch nicht reich genug, um uns den Luxus von Kolonien leisten zu können."4. Bismarck war sich der Kosten der Kolonien vollkommen bewusst. Kolonien mussten geschützt werden, dazu war eine Flotte nötig und zur Verwaltung wurden Beamte benötigt. Die Ausgaben dafür standen nach Ansicht Bismarcks in keinem Verhältnis zu dem wirtschaftlichen Nutzen der Kolonien. Noch 1881 erklärte Bismarck: "So lange ich Reichskanzler bin, treiben wird keine Kolonialpolitik. Wir haben eine Flotte, die nicht fahren kann... und wir dürfen keine verwundbaren Punkte in fernen Weltteilen haben, die den Franzosen als Beute zufallen, sobald es losgeht".3
 
3. Die Phase der Gründung der Kolonien 1884-1888
 
3.1. Imperialismus in Westeuropa
Deutschland ist im Vergleich zu anderen europäischen Ländern erst sehr spät in die Kolonialpolitik eingestiegen. Das liegt nicht zuletzt an der hartnäckigen antikolonialen Politik Bismarcks bis in die Mitte der 80er Jahre. Ein weiterer Grund für die Verspätung Deutschlands in der Kolonialpolitik war die späte Industrialisierung. Denn wichtige Aspekte für den Erwerb von Kolonien waren Rohstoffressourcen und Absatzmärkte in diesen Gebieten, die der Industrie nützten.
 
3.2. Gründe für die Entscheidung Bismarcks für die Kolonialpolitik
3.2.1. Innenpolitik
Die Hauptargumente der Befürworter der Kolonialpolitik bezogen sich auf die Innenpolitik. Der wichtigste Vorteil der Kolonien war für sie der "Export der sozialen Frage". Großgrundbesitzer Ernst von Weber und der Leiter der Rheinischen Mission in Barmen, Friedrich Fabri sprachen von einem "Ventil für soziale Spannungen in Deutschland". Durch die Industrialisierung in Deutschland war nicht nur ein großes "Arbeiterproletariat" entstanden, der eine Gefahr für das bestehende Staatssystem bildete, sondern durch eine Verbesserung der hygienischen und medizinischen Versorgung erfolgte auch ein rapider Anstieg der Bevölkerung (von 1875-1913 erhöhte sich die Reichsbevölkerung um 25 Millionen = +60%). Man hoffte, das Problem zu entschärfen, indem man Deutschen die Möglichkeit gab, in deutsche Gebiete im Übersee auszuwandern. Ein weiterer Grund für die Einlenkung Bismarcks war seine Einstellung gegen Sozialdemokraten. Die Wahlen standen für den 28. Oktober 1884 an und der Reichskanzler wollte die Kräfte im Parlament stärken, die seine Politik unterstützten. Da auch in der Bevölkerung eine prokoloniale Stimmung herrschte, hoffte Bismarck mit seiner Kolonialpolitik die Nationalliberalen, die Verfechter des Kolonienerwerbs schlechthin, zu stärken und damit die Sozialdemokraten zu schwächen.
Schließlich wollte Bismarck das Interesse der Bevölkerung nach außen ablenken, um innenpolitische Probleme zu verschleiern und die Gefahr einer Revolution zu verringern. Bismarck: "...den Deutschen ein neues Ziel zu setzen, für das sie sich begeistern können."2 Das ist ein der vielen Strategien des Reichskanzlers gewesen, um die von ihm so gefürchtete Arbeiterbewegung zu verhindern.
3.2.2. Wirtschaft
Der wirtschaftspolitische Hauptgrund für die Aufgabe der Zurückhaltung Bismarcks zur Kolonialpolitik war die Sorge um den Außenhandel. Die Kolonialmächte (besonders Frankreich, England und Spanien) errichteten große Zollschutzzonen um ihre Einflußbereiche und beschränkten damit den freien Handel, der besonders Deutschland benachteiligte. Da der landwirtschaftliche Produktionsanteil am gesamten deutschen Wirtschaftsmarkt wegen einer Agrarkrise 1976 absank und auch die Industrie Absatzprobleme bekam, wurde diese Situation als "Überproduktions- und Absatzkrise" verstanden.
Man dachte, die Konjunktur könnte durch neue Rohstoffquellen und Absatzmärkte belebt werden. Besonders der zu der Zeit herrschende Konjunkturtief (von 1882 bis 1886) begünstige die prokoloniale Stimmung der Wirtschaft. Man wollte "Handels-, Bergbau- und Plantagenkolonien" gründen und den Handel intensivieren. H.U. Wehler sieht die Kolonialpolitik als ein Mittel zur Bekämpfung von Depressionen in der Wirtschaft: "Der pragmatische Expansionismus bildete daher einen Teil derjenigen Aktionen, mit denen der heranwachsende Interventionsstaat, der auf der Suche nach wirtschaftlicher Dauerkonjunktur und ihrer Steuerung die ungleichmäßige Entwicklung einzugrenzen suchte, zu Frühformen einer antizyklischen Konjunkturpolitik fand."7
3.2.3. Außenpolitik
Auch außenpolitische Argumente der Kolonienbefürworter waren bei der Entscheidung Bismarcks für Kolonien wichtig. Durch die Einigung des Reiches 1870/71 war das nationale Bewusstsein der Deutschen immens gestiegen. Deutschland konnte wirtschaftlich mit anderen europäischen Ländern mithalten. Es fehlten im Vergleich zu anderen Wirtschaftsmächten lediglich Kolonien. Um eine Großmacht zu sein, müsse man Kolonien haben, war die Einstellung der Kolonienbefürworter. Der französische Ökonom Pierre Paul Leroy-Beaulieu sagte: "Diejenige Nation ist die größte der Welt, welche am meisten kolonisiert; wenn sie es heute nicht ist, so wird sie es morgen sein."4 Dieses Zitat brachte manche Leute zum Nachdenken, ob Deutschland noch lange ohne Kolonien prosperieren konnte.
Der zweite außenpolitische Grund für das Nachgeben Bismarcks war die für ihn günstige Konstellation der Kolonialmächte Frankreich, England und Russland. Diese hatten größere Konflikte wegen Streitigkeiten um Kolonien zu befürchten. In Afghanistan stand England kurz vor einem Krieg mit Russland. Auch in Ägypten gab es Streit zwischen Frankreich und England. Da die Kolonialmächte abgelenkt waren, wagte Bismarck den Schritt, Gebiete im Übersee unter deutschen Schutz zu stellen.
 
3.3. Einstellung des Parlaments zur Kolonialpolitik
3.3.1. Nationalliberale
Die Nationalliberale Partei war ein Verfechter der Kolonialpolitik. Die Mitglieder waren in Kolonialgesellschaften engagiert und forderten aus verständlichen Gründen den Erwerb von Kolonien. Die Position behielten sie bis zum Ende des Kaiserreiches.
3.3.2. Konservative
Konservative Parteien, zu denen Freikonservative und Deutsch-Konservative gehörten, vertraten die Interessen der Landwirtschaft und Großagrarier (Deutsch-Konservative) und der Großindustrie und der Hochfinanz (Reichs- und Freikonservative). Die Meinung zu Kolonien waren sehr gespalten. Die Repräsentanten der Agrarier erwarteten zwar eine Belebung des Schnapshandels, fürchteten jedoch einen Fall der Preise durch Überproduktion aus Koloniegebieten. Auch die Freikonservativen schwankten zwischen den beiden Positionen. Dennoch unterstützten die Konservativen Bismarck während seiner Expansionspolitik.
3.3.3. Zentrum
Unterschiedliche Positionen besaß auch das katholische Zentrum bei der Kolonialdiskussion. Im Vordergrund der Argumente der Partei stand die Missionierung der Eingeborenen in den Kolonien. Das Zentrum hatte zwar moralische und finanzielle Bedenken gegen das Vorgehen in Afrika, war jedoch überwiegend prokolonial eingestellt, obwohl sich in der Partei verschiedene soziale Schichten der Bevölkerung befanden. Das Zentrum wollte gegen den Sklavenhandel in Afrika vorgehen. Deshalb ließ sich diese Partei leicht um die Zustimmung für Etats für Kolonien überreden.
3.3.4. Linksliberale
Am Anfang der Kolonialpolitik waren die Linksliberalen, zu denen die Deutsche Volkspartei und Freisinnige Volkspartei gehörten, gegen die Kolonien. Sie begründeten ihre Einstellung mit der wirtschaftlichen Ineffizienz der Gebiete im Übersee. Erst nach der Jahrhundertwende begannen die Linksliberalen bis auf wenige kleine Abspaltungen die Kolonialpolitik zu unterstützen. Die kritische Meinung der Partei schildert Eugen Richter, ein Abgeordneter der Freisinnigen Volkspartei 1898 in seinem "Politischen ABC": "Die 1884 eingeleitete Kolonialpolitik hat dem deutschen Volke bis jetzt ca. 100 Millionen M. Kosten verursacht, einer erheblichen Anzahl von deutschen Offizieren und Beamten das Leben gekostet, Streitigkeiten mit anderen Kolonialstaaten veranlaßt, das Ansehen Deutschlands durch das Verhalten deutscher Beamten in den Kolonien geschädigt, ohne daß der Zweck einer Kolonialpolitik, wirtschaftliche Vorteile aus dem Kolonialbesitz zu ziehen....erreicht worden wäre". Anschließend kritisiert er den Späteinstieg Bismarcks in die Kolonialpolitik: "Was in überseeischen Gebieten sich irgendwie für den Kolonialbesitz eignete, ist längst vor 1884 durch andere Kolonialstaaten in Besitz genommen worden."1
3.3.5. Sozialdemokraten
Die Sozialdemokraten galten als die größte und stärkste antikoloniale Gruppierung. Diese vertraten Interessen der Arbeiter und sahen die Kolonialpolitik als Stärkung und Verlängerung des Kapitalismus‘, den es zu bekämpfen galt. Auch die Nachfolgerpartei SPD war zunächst gegen Kolonienerwerb. Der SPD-Vorsitzende August Bebel sagte am 26.1.1889 im Reichstag aus: "Im Grunde genommen ist das Wesen aller Kolonialpolitik die Ausbeutung einer fremden Bevölkerung in der höchsten Potenz"5
Nach der Jahrhundertwende änderte die SPD jedoch ihre Meinung und stimmte für die Kolonialpolitik. August Bebel stellte 1906 im Reichstag fest, dass "Kolonialpolitik an und für sich kein Verbrechen sei (...). Es käme nur darauf an, wie die Kolonialpolitik betrieben wird."4
 
3.4. Bismarck Raffinesse in der Kolonialpolitik
1884 schien es so, als ob Bismarck die Kolonialpolitik Deutschlands billigte, da er sie für seine innen- und außenpolitische Ziele nutzen wollte. Die Bekämpfung der Sozialdemokratie und Beibehaltung des "Status quo" in Europa sollten die Hauptziele der Politik bleiben. Dadurch dass England und Frankreich in Ägypten und in Afghanistan abgelenkt waren, war ein reibungsloser Einstieg in die Kolonialpolitik möglich. Außerdem verstand es Bismarck weiterhin, sich außenpolitisch defensiv zu verhalten. Exemplarisch ist dafür der Gebrauch des Terminus‘ "Schutzgebiete" anstatt "Kolonien". Damit wollte er seine Absicht, Überseegebiete für innenpolitische und wirtschaftliche Ziele und nicht zur Machterweiterung nutzen, noch einmal bekräftigen. Somit wollte er die Provokation anderer Kolonialmächte verhindern.
 
3.5. Erwerb der Kolonien
3.5.1. Kolonialgesellschaften
Um die Interessenschaften von Privatinverstoren zu vereinigen, wurden zur Zeit der Kolonialpolitik Deutschlands Kolonialgesellschaften gegründet. 1884 gründete Carl Peters die "Gesellschaft für deutsche Kolonisation" und im Jahr darauf die "Deutsch-Ostafrikanische Gesellschaft". Im selben Jahr wurde auch die "Deutsche Kolonialgesellschaft für Südwestafrika" errichtet.
Ein einzelner Kaufmann konnte in den meisten Fällen wenig Einfluß auf die Politik ausüben. Durch Zusammenschlüsse der einzelnen Privatinvestoren entstand eine Lobby, die genügend Druck auf die Staatsführung ausüben konnte, um ihre Ziele zu erreichen. Sicherung der wirtschaftlichen Prosperität durch Erwerb von Kolonien war die Hautpintention der Mitglieder. Ein weiterer Grund war die einfachere Verwaltung der einzelnen Gebiete.
Die Kolonialgesellschaften waren nicht vom Staat abhängig, sie hatten primär wirtschaftliche Interessen und ihre Gebiete würden vom Staat lediglich im Falle eines Angriffes verteidigt.
3.5.2. Beginn der Kolonialgründung
Ab 1884 begann die eigentliche Kolonialpolitik Deutschlands. Innerhalb von 2 Jahren (1884-86) stellte das Deutsche Reich mehrere Gebiete in Südwestafrika, Togo, Kamerun, Ostafrika und in Pazifik unter Schutz. Bismarck wollte seine Kolonialpolitik nach dem Vorbild Englands gestalten. Privatunternehmen wurde es mit Hilfe der staatlichen Schutzbriefe ermöglicht, sicher vor Ort zu agieren. Die staatliche Intervention sollte auf ein Mindestmaß reduziert werden.
Adolph Lüderitz, ein Bremer Kaufmann, erwarb 1884 ein Küstengebiet um die Bucht Angra Pequea, für 500 Pfund und 60 Gewehre vom Häuptling Joseph Fredericks. Das erworbene Stück Land wurde das Basisstück für das spätere Deutsch-Südwestafrika.
In ähnlicher Weise war die Annektierung Deutsch-Ostafrikas vonstatten gegangen. 1884 wurden durch Carl Peters private Gebiete in Südostafrika in Besitz genommen. Der erbetene Schutz für die Erkundung Ostafrikas wurde von Bismarck wegen seiner persönlichen Abneigung zu Carl Peters abgelehnt. Nichtsdestotrotz stattete Dr. Carl Peters eine Expedition ins Landesinnere von Ostafrika aus und konnte durch dubiose Geschäftspraktiken den heimischen Häuptlingen ein riesiges Territorium abhandeln. Nach dem Erwerb des Landes erbat Peters mehrmalig staatlichen Schutz von Bismarck. Dieser lehnte die Bitten Carl Peters‘ immer wieder ab bis dieser drohte, das von ihm erworbene Land an Belgien zu verkaufen. Da Bismarck eine Erweiterung der Belgischen Gebiete in Zentralafrika (Belgisch-Kongo) fürchtete, war Bismarck bereit, die Gebiete Ostafrikas, welche im Besitz von Peters waren, unter deutschen Schutz zu stellen. Durch diese Inschutznahme von Deutsch-Ostafrika manövrierte sich Deutschland in eine außenpolitisch gefährliche Lage. England fühlte sich durch das neue deutsche Schutzgebiet gefährdet, da der Seeweg nach und von Indien direkt an der ostafrikanischen Küste vorbei führte und eine sehr wichtige strategische Bedeutung für das Empire hatte. Außerdem ging der Landweg von Ägypten nach Südafrika durch dieses Gebiet, der ein wichtiger "Lebensnerv" des Afrikahandels war. Diese Umstände verursachten Befürchtungen in der englischen Regierung.
 
3.6. Resultate der Kolonialpolitik Bismarcks
Die von Bismarck favorisierte Organisationsform der Handelskolonie, getragen von privat finanzierten Gesellschaften, scheiterte bereits nach wenigen Jahren.
Bereits im Herbst 1886 erwarb der Staat Anteile an der Deutschen Ostafrikanischen Gesellschaft im Wert von einer halben Million Mark und wurde somit zum größten Anteilseigner. Bis 1. Januar 1891 wurden alle Schutzgebiete in Kronkolonien umgewandelt, da sich die Kolonien für die Betreiber nicht wirtschaftlich rentierten. Geringe Export- und Importbilanzen entsprachen bei weitem nicht den erwarteten Zahlen.
Auch politische Wünsche der Kolonialbefürworter erfüllten sich nicht. Lediglich 1200 Menschen wanderten innerhalb von 13 Jahren (1880-93) in die außereuropäischen Gebiete aus. Der weitaus größere Teil versuchte sein Glück wie schon seit Jahrzehnten auf dem amerikanischen Kontinent. Der Abgeordnete der Freisinnigen Volkspartei Eugen Richter führte als Gründe für die Auswanderungshemmungen schlechte Klima- und Bodenverhältnisse in den Kolonien an. Europäer könnten in den Schutzgebieten wegen des tropischen Klimas keine körperliche Arbeit verrichten. Außerdem bestehe die Gefahr der Ansteckung mit tropischen Krankheiten. Das einzige deutsche Schutzgebiet, das nicht in den Tropen liege, sei Südwestafrika. Wegen Mangel an Wasser und Holz seien jedoch in diesen Gebiet jegliche Versuche zur Bodenbearbeitung gescheitert.
Vielmehr verursachten deutsche Überseegebiete immense Kosten für das Deutsche Kaiserreich. Die Unterhaltungskosten der Beamten und die Entsendung der Schutztruppen, um immer wieder vorkommende Aufstände der Eingeborenen aufzulösen, bedingten horrende Unkosten.
 
 
4. Kolonialpolitik unter Wilhelm II. nach 1888
 
4.1. Wilhelminische Kolonialpolitik
Im Juni 1888 bestieg Wilhelm II. im Alter von 29 Jahren den deutschen Kaiserthron. Dieser wollte sich viel intensiver mit der Politik befassen, als es sein Großvater Wilhelm I. getan hat. Mit seinem aufbrausenden Temperament und seiner Begeisterung für alles Militärische "verschärfte er den Ton deutscher Politik erheblich". Die Differenzen vom Bismarck und Wilhelm II. führten zur Entlassung des Reichskanzlers Bismarck.. "Hauptsächlich wegen des persönlichen Gegensatzes zwischen dem alten Kanzler, der seine Machtstellung behaupten will, und dem nach dem "persönlichen Regiment" strebenden jungen Kaiser."6
Alle Kolonien ließ der Kaiser Wilhelm II. 1891 dem Auswärtigen Amt in Berlin unterstellen. Der Kaiser gab auch die defensive Kolonialpolitik Bismarcks auf. Er wollte für die "zu spät gekommene Nation" einen "Platz an der Sonne schaffen". Im Gegensatz zu Bismarck wollte er durch Erwerb von Kolonien die Macht Deutschlands stärken. Das Schüren nationaler Gefühle der Deutschen und die provokative Aufrüstung (u.a. Risikoflotte Tirpitz‘) ließen das komplizierte Bündnis- und Gleichgewichtssystem Bismarcks endgültig zusammenbrechen. Letztendlich führte u. a. die Wilhelminische Politik zu Spannungen in Europa, die zu wichtigen Gründen für den I. Weltkrieg zählen.
 
5. Schlussbetrachtung
Bismarcks Außenpolitik war vor 1884 defensiv und auf Frieden ausgerichtet. Er bezeichnete Deutschland als "saturiert" , trotzdem engagierte er sich ab 1884, zunächst allerdings zögernd, kurzzeitig für den Erwerb deutscher Kolonien in Afrika und im pazifischen Raum.
Bismarck versuchte durch seine Kolonialpolitik, die von ihm angestrebten innen- und außenpolitischen Ziele zu erreichen. Dies gelang ihm trotz seiner Bemühungen nicht. Der wirtschaftliche Ruin der Kolonialgesellschaft und die Grundhaltung des Wilhelm II. verhinderten das Erreichen seiner gewünschten Ziele.
Es ist sehr schwierig, eindeutig zu sagen, was die Hauptintention Bismarcks für die Kolonialpolitik war. War es der wirtschaftliche Aspekt oder die innen- und außenpolitischen Gründe, die Bismarck zum Einlenken führten? Wir sind der Meinung, dass für Bismarck die innen- und außenpolitischen Gesichtspunkte eine Priorität darstellten, da sie eine Fortsetzung seiner Politik der 70er und Anfang 80er Jahre waren. Wirtschaftliche Aspekte waren eher ein Mittel zum Zweck der Bekämpfung der Sozialdemokratie durch Stärkung der Industrie und die Förderung des "Menschenexports" durch Etablierung von Industrie in den Kolonien.
 
6. Literatur- und Quellenverzeichnis
 
Quellen:
1RICHTER, Eugen: Politisches ABC = Buch für freisinnige Wähler Berlin, 1898, 9. Auflage; aus Eugen-Richter-Archiv von Hansjörg Walther, Online im Internet: URL: http://www.nineties.com/eugen-richter/ [Stand: 10.8.1997]
 
Sekundärliteratur:
2BODE, Matthias: Das Schulsystem der deutschen Kolonien 1885-1915; Online im Internet: URL: http://stud-www.uni-marburg.de/~Bode/kolo.htm [Stand: 11.1997]
3GALL, Lothar: Bismarck, 1980, Verlag Ullstein
4HAUKE, Haien: Die Krise der deutschen Kolonialpolitik. Die großen Aufstände in Deutsch-Südwestafrika und Deutsch-Ostafrika 1904-07, Online im Internet: URL: http://members.aol.com/haukehaien/ [Stand: 25.5.97]
5NESTVOGEL, R., TETZLAFF, R, Afrika und der deutsche Kolonialismus, Zivilisierung zwischen Schnapshandel und Bibelstunde, Dietrich Reimer Verlag Berlin, Hamburg, 1987
6PLOETZ: Deutsche Geschichte, Epochen und Daten, Das illustrierte Nachschlagewerk, Freiburg/Würzburg, 1979
7WEHLER, Hans-Ulrich, Das Deutsche Kaiserreich 1871-1918, Kleine Vandenhoeck Reihe Deutsche Geschichte Band 9, 1973, Göttingen
 
Tertiärliteratur:
MICROSOFT: Encarta Enzyklopädie, 1997, CD-ROM

Verfaßt von Kalle Bertram und Viktor Nikulin - Klasse 13 - Note 14 Punkte
Publiziert von Viktor Nikulin

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