virtuelles Geschichtsheft für den Unterricht am städtischen Louise-Schroeder-Gymnasium in München                                 

vor 3000 3000 - 800 800v. - 500n. 500 - 1500 1400 - 1789 1789-1848 1815-1914 1890-1914 1914-1918 1918-1939 1939-1945 1945 - 1990 seit 1990
Frühgeschichte Hochkulturen Antike Mittelalter Aufklärung-Absolutismus Revolutionen Nationalstaaten Imperialismus Weltkrieg I Zwischen den Weltkriegen Weltkrieg II Kalter Krieg Gegenwart
                         

Startseite

Impressum Unterrichtsmaterial Sitemap Arbeitstechniken Didaktik m@scholl online       Deutschland Europa Amerika Asien Afrika

 

Antijudaismus - Antisemitismus ein deutsches/europäisches Phänomen?

Wurzeln? Erscheinungsformen? Zielrichtung? Ziele? Täter?

Judenfeindliche Propaganda stützt sich in Deutschland auf eine lange Tradition. Bereits aus dem Mittelalter und der frühen Neuzeit sind Abbildungen bekannt, die die gängigen Klischees über Juden aufgreifen. Die Bandbreite reicht dabei vom vermeintlich harmlosen Spott bis hin zu Verunglimpfung, Herabsetzung und zur Hetze. Mit dem Aufkommen der Postkarte bot sich der Bildpropaganda auf diesem Gebiet ein ganz neues Betätigungsfeld.

Die Postkarte stellt kommunikationssoziologisch die Möglichkeit dar, unter Verzicht auf gewählte, anspruchsvolle (Gruß- und Abschieds-) Floskeln und auf komplexere syntaktische Strukturen einfache „Mitteilungen" zu verschicken. Insofern war die Postkarte (oder „Korrespondenzkarte") ein Medium, das den einfacheren Sprach- und Mitteilungsformen der kleinbürgerlichen Schichten entgegenkam. Auf einer Postkarte genügte bereits ein „Liebe Berta! Wir sind gut angekommen. Es geht uns gut!"

Von Anfang an war die Postkarte auch Träger von Bild-Informationen. Kurorte und Sommerfrischen hatten die Möglichkeit, sich so darzustellen. Objekte wurden auf Postkarten gebracht, die man heute auf diesem Medium längst vergebens sucht. Der schnelle Gruß aus der Sommerfrische kam in Mode. Der Autor dieser Zeilen erinnert sich noch gut an die großmütterlichen Kreuze auf Urlaubskarten: „Hier wohnen wir!"

Das wilhelminische Deutschland ist nun (unter anderem) sowohl durch eine Zunahme der Mobilität in der Bevölkerung durch raschen Ausbau des Eisenbahnnetzes als auch durch industrielle Fertigung dieser Bildpostkarten in Massenauflagen gekennzeichnet. Von der inneren Struktur her trägt es den Geburtsfehler in sich, das Selbstverständnis der Nationsbildung aus einem Feindbild heraus, und die Staatsbildung aus dem Kampf gegen diesen Feind herzuleiten. Wenn aber ein Feind herhalten muss, um die Nation zusammenzuhalten, ist das Selbstverständnis der Nation auf Intoleranz gebaut. Wenn dann der äußere Feind besiegt ist, oder wenn es inopportun ist, das äußere Feindbild zu pflegen, dann wächst schnell ein innerer Feind heran, gegen den sich die „guten" Kreise der Nation zusammenschließen müssen. Das ist eine Seite des wilhelminischen Antisemitismus, das ist genauso eine Seite des bismarckschen Kampfes gegen die Sozialisten.

Die Ausstellung zeigt nun, in welch rasantem Tempo auch die antisemitische Propaganda sich dieses Mediums bemächtigte - und möglicherweise gerade durch die Vorliebe kleinbürgerlicherer Kreise für die Bild-Postkarte gefördert wurde. Sie zeigt weiterhin, mit welchen - zum Teil uralten -Klischees die antisemitische Propaganda arbeitete.

Besonders hervorstechend ist dabei die klischeehafte Überzeichnung der Eigenschaften, die man propagandistisch den Juden zuschrieb. Die Darstellung der Juden entsprang immer derselben Typologie: gedrungener Körperbau, rundes Gesicht, krumme Nase - und der „spezifische" Charakter zeigte sich in verzerrten Gesichtszügen.

Diese „Erkenntnisfähigkeit" gegenüber der jüdischen Bevölkerung wurde auch im jüdischen Witz karikiert, als während der Musterung der Arzt feststellt: „Nase: gerade". Als jedoch auf die Frage nach der Religion „mosaisch" genannt wird, streicht der Arzt das „gerade" wieder und setzt „krumm" ein. Ausflüsse dieser „Erkenntnisfähigkeit" sind in der Ausstellung ebenfalls vertreten.

Besonders zu nennen ist für dieses Klischee vom „hässlichen Juden" das Plakat aus der Frühzeit des Nationalsozialismus, das diese Karikatur eines „typischen" Juden hinter der „reinen" deutschen Jungfrau zeigt - und beide über einem offenen Sarg.

Die Lösung für alle Probleme, die man den Juden zuschrieb, lag schon früh in ihrer Ausgrenzung, dann in der Entfernung aus dem „reinen" deutschen Volkskörper, aus dem Hotel, aus dem Seebad, aus dem Dorf, aus dem Land. Und schließlich auch in ihrer physischen Auslöschung.

 

Kurpfälzisches Museum Heidelberg

 

 1923 Der abgebildete 50-Pfennig-Schein der Stadt Tostede aus dem Inflationsjahr 1923 gibt ein besonders krasses Beispiel für die Ausrottungsfantasien, mit denen das Elend des Lands behoben werden sollte.
Der Text: "So muss dat all de Schiebers gahn / denn kunnt dem Duetschland baeter stahn" (So müsst es all den Schiebern gehen, dann  könnte Deutschland besser stehen). Die Raben links und rechts verweisen wieder auf die Rabensymbolik.
1923 Vertreibungsfantasien

Der Wunsch, "unter sich" zu bleiben, Deutschland von dem "Fremden" zu "säubern", äußerte sich mitunter in solchen Fantasien.
Der stolze germanische Recke mit Hüfthorn und Schwert treibt die Juden unter Blitz und Donner aus dem Land. Im Hintergrund symbolisiert das Hermannsdenkmal die "Werte" der deutschen Nation.

 

   

Der jüdische Mann in der Karikatur

- oft Glatze oder dunkle Haare
- Zylinder, Melonen oder Hauben
- sehr sehr buschige Augenbrauen
- Brille
- große, breite, gebogene Nase
- dicke Lippen
- unrasiert oder Bart
- runde Gesichtsform
- allgemein klein
- Frack oder Anzug (oft Nadelstreifen)
- Hosenträger
- dunkel gekleidet
- Taschenuhr
- Zigarre
- Geldsack
- manchmal Hand in der Hosentasche
- große schwarze Schuhe
- geschäftstüchtig ==> Halsabschneider + Raffke

- Name oft Kohn/Cohn

=> Juden waren hauptsächlich im Geschäftswesen tätig, da ihnen andere Berufssparten nicht offen standen; Vorurteile aus dem Mittelalter 



Darstellung der jüdischen Frauen in  antisemitischen Karikaturen

 jüdische Frau wird hässlich dargestellt, im Kontrast: hübsche deutsche Frau unsauber, schmutzig, muss gewaschen werden, im Kontrast: saubere deutsche Frau hinterlistiger Gesichtsausdruck typische "Judennase", Name sieht aus wie ein "Moormonster", dicklich, dunkle Haare

Darstellung der jüdischen Frauen in  antisemitischen Karikaturen 

wieder typische Nase, Name durch den Satz unten Anspielung auf ihr angeblich hässliches Aussehen, Selbst Mann findet sie hässlich Mann nimmt sie als Schutz, will sie Bären zum Fraß vorwerfen, will dass lieber sie als er gefressen wird -> Feigling Anziehsachen sehr bieder (Hut)

Umkehrung der Rollen

Lächerlichmachung der Juden in der überzeichnenden Umkehrung der traditionellen Rolle
Auch diese Überzeichnung ist aus der traditionellen Karikatur bekannt: Der "mutige" Mann, der sich vor dem Bären hinter dem Rücken der Frau versteckt. Gleichzeitig wird die Frau als so hässlich karikiert, dass selbst der Bär die Flucht ergreift, wenn er sie nur erst gesehen hat

 

   
Den deutschen Männern wird Angst eingejagt!

„Der kleine Kohn sucht seine Frau!“ 

Alle Frauen sehr rundlich (Figur und Gesicht)  viel Oberweite, dunkle Haare, rote Bäckchen teilweise männliche Züge, größer als der Mann, Hut

In dieser Karikatur ist der kleine Kohn (verkörpert den Juden) in einem Zimmer voller liegender Frauen (Deutsche) zu sehen. Die Überschrift heißt: „Wohnungsnot – Massen Quartier“ Hinter ihm stehen zwei Frauen, die sich, laut ihrer Gestik, freuen, dass er gekommen ist. Der kleine Kohn winkt den Frauen zu und auf den Frauen ist ein weiterer Schriftzug, der lautet:

Diese Karikatur ist wieder eine Warnung vor den Juden. Sie  warnt davor, dass die Juden den Deutschen sogar die Frauen wegnehmen. Der kleine Kohn stellt nichts dar, er ist klein und nicht besonders attraktiv, dennoch freuen die Frauen sich und sind ganz aufgeregt. Der Kohn kann sich sogar eine aussuchen, denn die Frauen sind froh aus dem Notquartier herausgeholt zu werden. Er ist so zu sagen der Retter der deutschen Frauen.              

 Siegel, Berner

 
 
 
 
Sexismus und Voyeurismus

Lächerlichmachung der Juden in der überzeichnenden Umkehrung der traditionellen Rolle
Diese Überzeichnung zeigt sich zum einen im krassen Missverhältnis in der Körpergröße. Die durchaus attraktiv dargestellte Frau jedoch verletzt ihrerseits alle geltenden Moralregeln, indem sie einen Hosenrock trägt, also die geltenden Bekleidungsregeln missachtet, und durch die Haltung des ausgestreckten Beins (vor dem der Jude sich erschreckt zurückzieht und seinen Stock fallen lässt) sich auch auf eine Stufe mit "billigen" Frauen stellt. Er spricht sie also zwar an, kann aber seine Rolle als "Mann" nicht durchhalten.

 

   
Böser rassistischer Vergleich der Physiognomie des "Paares" im Profil. Blonde Arierin gegen typisches Stereotyp des Juden.

Über dem Sarg, der den rassischen Untergang symbolisiert.

AH für Adolf Hitler

 

Stürmer 1932
Der Stürmer warnt vor Impfungen bei jüdischen Ärzten. Hier werden Vorurteile geschürt, um die Ausgrenzung und die Benachteiligung und später die Entrechtung vorzubereiten. Juden wird hier pauschal vorgeworfen mit Gift als Giftmischer (=Mörder) umzugehen.

Die Physiognomie entspricht den Vorurteilen.


Stürmer 1933
Der Stürmer kommentiert das Gesetz zur Aufrechterhaltung des deutschen Berufbeamtentum zur Gleichschaltung der Beamten 1933. Juden wurden aus dem Staatsdienst entlassen. Die arischen Kinder (im Hintergrund) werden von einem Zerrbild des Juden unterricht, der vom Kultusministerium aus dem Dienst geholt wird. Der Unterricht durch Juden wird als Verderbnis hingestellt.

Stürmer 1935
Der Stürmer unterstützt die Nürnberger Gesetze durch diese Karikatur, die die Blutschande verbietet.

Hier werden Stereotype verwendet:

  • Jude reich
  • Jude hässlich
  • Jude verführt blonde Frauen
  • blonde Frauen dumm - lassen sich verführen - sind nicht aufgeklärt
  • Blutschande
  • gegen Rassenmischung
  • Idiotie, dass Blut verseucht werden kann
Angst machen!

Stürmer 1936

 Man sieht auf der linken Seite:

Einen Mann der auf der Bank sitzt (deutsches Erscheinungsbild) und einen Mann (jüdisches Erscheinungsbild: Nase Kopfform, Zigarre, auffällige Ringe), der höflich nach einem Sitzplatz fragt.

  Man sieht auf der rechten Seite:

  Der Jude hat sich ausgebreitet, den deutschen Mann beiseite gedrängt und liest ungeniert seine Zeitung mit einer dicken Zigarre im Mund, während er verächtlich den empörten Deutschen anschielt

An dieser Karikatur sieht man deutlich die Angst der Deutschen, von den Juden verdrängt zu werden. Der Jude wird als reicher, schleimiger Geschäftsmann dargestellt. Die Karikatur will die Deutschen vor der Ausbreitung  der Juden warnen, die sie hinterlistig planen, denn erst sind sie höfflich und zuvorkommend und dann nehmen sie plötzlich deinen Platz ein und man kann nichts dagegen machen.

Stürmer 1943

Zeitschrift Stürmer von 1943: Nazi Hetzblatt herausgegeben von Julius Streicher

· Zu sehen ist ein Gefangener (Nr. 137158)

· An den Gitterstäben die Symbole des Kommunismus, der Judenstern, Dollarzeichen und das Christenkreuz 

Bildunterschrift: 

Das ist die Freiheit, die uns zugedacht

Wir sehn es dort, wo Juda hat die Macht

Wie hinter Kerkermauer, Gitterstangen

Im finsteren Gefängnis ist gefangen

Die Menschheit, die nach wahrer Freiheit fröhnt

Und sich nach Rettung und Befreiung sehnt

Wurzeln

· Antijüdische Flugblätter und Schriften gab es bereits zur Zeit der Restauration

· Die erste Auflage des Stürmers erfolgte bereits in der Weimarer Republik 1927, eine antisemitische Wochenzeitung, ab 1938 erreichte die Auflage bis zu 1mio Exemplare

Ziele

· Der Deutsche ist zwar hinter den Gitterstäben des Kapitalismus, Kommunismus, Zionismus und Judentum gefangen, aber hinter diesen ganzen Gesellschaftsformen steht der Jude (Judenstern unter der Gefangenennummer)

Ob Zionismus, Kommunismus, Kapitalismus oder Judentum, alle gleich, alle versuchen die deutsche Rasse zu knechten und zu unterdrücken.

Die dahinter stehende Kraft sind die Juden, sie sind verantwortlich für den Untergang des 3. Reiches und der kommenden Niederlage im 2. Weltkrieg (Weltverschwörung?).

Der deutsche Antisemitismus soll durch die Gefahr der Weltverschwörung und durch Skandalreportagen über jüdische Kriminalität geschürt werden.

=> drohende Aussage dieses Bildes, wenn die Deutschen diesen Krieg nicht gewinnen, dann ist all das (Kommunismus, etc.) ihre Zukunft  

Stürmer 1944

 Bildunterschrift: Wofür, warum, vergießen sie ihr Blut?

Im Hintergrund der Frage gezieht der Jud

Und somit ist die Antwort schon gegeben

Für Juden Ziele lassen sie ihr Leben

Die Frage warum wird dieser Krieg geführt wird und warum die Soldaten ihr Leben lassen:

Ähnlichkeiten mit der Ausgabe des Stürmers von 1943, wobei hier noch deutlicher angesprochen wird, worauf der Krieg abzielt.

Ein Krieg gegen die Juden und ihre Weltverschwörung.

 
 

1938

Tiervergleiche

Die Symbolisierung der Juden als Raben geht vor allem auf das Wiener antisemitische Blatt Kikeriki zurück und zielt auf die emanzipierten Juden.

Der Rabe bot sich dabei wohl vor allem wegen der "Ähnlichkeit" der Erscheinung mit den Ostjuden als vermutlich auch wegen seines Charakters ("stehlen wie ein Rabe") an.

Die oben gezeigte Postkarte wirbt für das Frankfurter Hotel "Kölner Hof", das sich rühmte, "judenfrei" zu sein. Die Raben müssen also draußen auf den Bäumen bleiben.

 


1938
Ausgegrenzt

Das Hotel Kölner Hof rühmte sich, ein "judenfreies" Hotel zu sein.
Diese Karte verbindet die klassische Ansicht des Hauses mit dem Motiv vom Fußtritt, der den Juden aus dem Haus wirft. Frankfurt am Main wird auf Grund seines hohen Anteils an Juden als "Neu-Jerusalem am fränkischen Jordan" bezeichnet

 

 
 
1900  
1923 Vertreibungsfantasien

Um der Fantasie, die Juden nach Palästina "zurück"zuschicken, Ausdruck zu geben, wurden mitunter solche "Freifahrkarten" verteilt.
Heute würde das als "Mobbing" bezeichnet.