Konkurrenz zur BRD (Plakat von 1957)

Sobald die Fronten der Anti-Hitler-Koalition „geklärt“ und jedem der Alliierten eine Besatzungszone zugeteilt worden war, zeigten sich große Meinungs-Differenzen über das aufgeteilte Deutschland. Neben den ideologischen Gegensätzen driften vor allem die außenpolitischen Interessen der westlichen und der sowjetischen Alliierten auseinander.  Während die US A das One-World-Prinzip verfolgten, das von der UdSSR als Zeichen eines amerikanischen Wirtschaftsimperialismus gedeutet wird, fürchtet sich die westliche Welt vor dem sowjetischen Expansionsdrang. Das geteilte Deutschland wird so die Bühne des Ost-West-Konflikts der Welt.
Es Beginnt ein Wechselspiel von Konfrontationsphasen und Entspannung, die die Welt in Atem halten.
Während die BRD immer mehr in die westliche Weltpolitik eingegliedert wird und die Freiheiten eines demokratischen Staates genießt, wird in der DDR die Etablierung des sowjetischen Systems vorangetrieben.
Das Plakat verdeutlicht die gewollte Ruhigstellung und Beeinflussung des ostdeutschen Volkes. Obwohl Chruschtschow, nach dem Tod Stalins 1953, eine Entspannungspolitik verfolgt und die Entstalinisierung einleitet, verbessert sich der Status der DDR im Blickfeld der Westmächte nur gering. Das militärische Verhältnis ist fast gleich, so können jahrelange Spannungen nicht mit einem Mal abgelegt werden. Selbst in den eigenen Lagern der UdSSR spalten sich die Fronten auf Grund der neuen Reformen Chruschtschows. Diese Krisenherde entfalten sich endgültig 1956 in den Aufständen von Polen und Ungarn, die über die Reformen hinaus eigene nationale Wege anstreben. Somit ist selbst innerhalb der UdSSR keine Einheit zu verzeichnen, dieser Umstand gefährdet gleichzeitig das starke Auftreten gegenüber den Westmächten und beeinflusst die neue Tauwetterphase zwischen den Fronten erheblich.
Das deutsche Volk wird somit zum Spielball zweier Mächte, die sich im weltpolitischen Tauziehen gegenüber stehen. Ebenso hätte das Plakat umgekehrt in der BRD aufgestellt werden können, um als Propaganda gegen den Osten zu wirken, jedoch wäre die wirtschaftliche Basis der hier unrealistischen Darstellung eine andere gewesen. Trotzdem oder gerade wegen dieser misslichen Lage werden in der DDR die Vorzüge und der „gerechte“ Charakter der sowjetischen Ideologie besonders propagiert. Der Westen wird als geldgierig und materialistisch dargestellt, der vollkommen unter dem amerikanischen Wirtschaftsimperialismus gefangen ist und selbst vor Kriegen (Nahost-Krieg 1956; Intervention in Vietnam bis 1954; Krieg in Korea bis 1953; Befreiungskriege in Malaysia und Indonesien) nicht zurückschreckt, um seine Ziele zu erreichen. Selbst die abgebildeten Männer unterscheiden sich wesentlich. Während der DDR-Bürger als stattlicher, junger und dynamischer Herr dargestellt wird, wirkt der Bürger des Westsektors eher grimmig, verschlagen fast wie ferngesteuert, der darauf programmiert ist  Aktienkurse zu verfolgen. Hier wird wahrscheinlich Adenauer karikiert. Dagegen wird im „Demokratischen Sektor“ auf das Wohl des Volkes wertgelegt, das in „Wohlstand“ und „Frieden“ mündet. Auch die Gegenüberstellung des „Demokratischer Sektor“ und dem „Westlichen Sektor“,  der also ohne politische Wertung aufgeführt ist, verdeutlicht die durch das Plakat aufgezeigte Überlegenheit der DDR. Berlin steht in diesem Wettstreit von Ost und West natürlich immer wieder im Mittelpunkt des Geschehens, da es einerseits der zentrale Berührungspunkt der beiden Seiten ist und andererseits in einem ständigen Streitpunkt der Zugehörigkeit steht.
Durch die Aufstellung des zweiten Fünfjahrplans 1956, der ein Wirtschaftswachstum von 50 – 60%, eine enorme Lohnsteigerung und die Verkürzung der Arbeitszeit versprach, versuchte sich die SED einen Vorteil und Sympathie bei dem Volk zu verschaffen. Völlig utopische Ansätze zu einer industriellen Umwälzung sollten dem Mangel des Lebensalltags in der DDR entgegen wirken, um die Bevölkerung bei Laune zu halten. Verstärkt wird dieser Gedanke durch den tatsächlichen Aufschwung, den die DDR um 1957 wirtschaftlich erlebt, sogar die Fluchtzahlen gehen im folgenden Jahr leicht zurück. Dieser kurze Lichtblick in der wirtschaftlichen Entwicklung der DDR sollte jedoch nicht lange anhalten. Um die Existenz des „Demokratischen Sektors“ aufrecht zu erhalten und den Schein der Einigkeit zu wahren, waren letztlich leere Worte zu wenig und es gab nur noch eine Lösung: den Mauerbau 1961.

Tobias K13