virtuelles Geschichtsheft für den Unterricht am städtischen Louise-Schroeder-Gymnasium in München                                 

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Internationale Solidarität mit den Befreiungsbewegungen in der 3. Welt - Außenpolitik der DDR

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Gruppe1

Aufgewachsen in der DDR

Als der Befreiungskampf eskalierte, wurden 430 namibische Kinder mit ihren Lehrern und Erziehern in Sicherheit gebracht.

"Die Geschichte kann doch auch ein gutes Ende haben. Ich bin als Ex-DDR-Kind nach Namibia zurückgekehrt und sitze nun im Berliner Abgeordnetenhaus, das sich vor dem Mauerfall im Ostteil der Stadt befand und spreche über die Städtepartnerschaft Berlin – Windhoek. Der Kreis schließt sich. Es hat sich doch gelohnt, in der DDR aufgewachsen zu sein“, sagt Naita Hishoono vom Namibia Institute for Democracy mit einem zufriedenen Lächeln. Wer hätte das gedacht?

1978 lebte Naita Hishoono als Kind in Cassinga, einem Flüchtlingslager in Angola, in das tausende von Namibiern vor den Soldaten des Apartheidregimes in Südafrika geflohen waren, die Namibia de facto besetzt hatten. Von Angola aus führte die Swapo, die marxistische Befreiungsbewegung Namibias, ihren bewaffneten Kampf gegen die Südafrikaner in Namibia. Als die südafrikanische Luftwaffe am 4. Mai 1978 das Flüchtlingslager Cassinga bombardierte, beschloss die Swapo ohne große Umschweife, die Kinder mit ein paar Lehrern und Erziehern in Flugzeuge zu stecken und zum Beispiel in die DDR in Sicherheit zu bringen, wo sie als künftige Kader und Kämpfer ausgebildet werden sollten. Insgesamt 430 Kinder kamen so in die DDR. „Auf Schloss Bellin bei Berlin hatten wir unsere ersten Aha-Erlebnisse. Wir sahen den ersten Schnee und dachten, dass es Zucker sei. Wir hatten daran geleckt, aber es war eiskalt und nass.“ Die Kinder vermissten ihre Eltern, aber sie lernten schnell Deutsch und gewöhnten sich an ihre neue Umgebung. Die DDR hatte dort für die Swapo ein Kinderheim eingerichtet, in dem bis zu 400 Kinder untergebracht waren.

„Wir waren Jungpioniere und Thälmannpioniere, wir hatten die gleiche Ausbildung wie die DDR-Kinder. Und ein bisschen mehr. Montags standen Schießen und Geländeübungen auf dem Stundenplan, dienstags lernten wir kochen und Haare flechten, mittwochs sangen wir namibische Lieder, donnerstags tanzten wir in den Farben Blau, Rot, Grün – den Farben unserer Fahne. Freitags war wieder Singen angesagt, samstags mussten wir unser Zimmer aufräumen und alles im Schrank ganz exakt hinlegen – mein Schrank sieht heute noch so aus. Sonntags gab es Gruppensport und endlich konnten wir uns ausruhen.“ Montag- abend bekamen sie noch Unterricht in Oshivambo, ihrer Muttersprache, „aber wir entwickelten das Oshi-Deutsch, eine Mischsprache.“ Dennoch haben die Kinder schnell Deutsch gelernt, sind im Dorf Zehna zur Schule gegangen: „Ich erinnere mich noch an Frau Kalthofen, eine strenge, aber gute Lehrerin mit einer sehr schönen Schrift“. Sie sind viel gewandert. „Wir waren gestählt und in den Ferienlagern besser als die Deutschen, der Drill machte sich bemerkbar.“ In der Schule blieben die Namibier unter sich, aber sie hatten auch den Kontakt und Bezug zur Heimat mehr und mehr verloren. „Mit zwölf Jahren dachte ich, ich will nicht in den Krieg, das ist der Krieg meiner Eltern. Wir wuchsen auf wie DDR-Teenager.“

Im Laufe der Zeit haben die Kinder auch mitbekommen, dass es so etwas wie den „Westen“ gibt. „Wir kannten Intershops, Westbonbons, und wir haben natürlich heimlich gerne Westfernsehen geschaut. Toll war auch die NDR-Hitparade – ich erinnere mich noch an den Slogan ,das Beste vom Norden‘“. Im Sommer 1989 merken die Jugendlichen, dass plötzlich Erzieher fehlen, Staatsbürgerkunde ausfällt, Herr Schalck mit Waffen handelt. „Vor allem fragten wir uns: Warum laufen die alle weg? Wir haben doch das bessere System? Wir dachten, alle leben so in der DDR wie wir – aber das war ein Irrtum.“

Naita Hishoono erlebte die Wende als spannende Zeit „Wir waren mittendrin und wussten nicht, was kommt.“ Als sie dann im Radio hörte, dass Deutsche von den ehemaligen Kolonien erzählen und dann auch ein Stein durchs Fenster fliegt, verändert sich die Situation. „Plötzlich waren wir die ,Privilegierten‘, aber das haben wir erst später richtig verstanden.“ Als die D-Mark kam, kaufte Hishoono sich als Erstes eine Milchschnitte. „Und dann kam der Rias und wollte uns interviewen. Für uns war das ein Propagandasender. Meine Schwester hatte von uns den Spitznamen Rias bekommen, weil sie so viel Stuss redete,“ erzählt Naita Hishoono amüsiert. „Wir registrierten natürlich: Der Westen interessiert sich für uns. Das war cool.“

Und dann kommt der Schock. Als die Jugendlichen 1990 vom Sommerlager in Prerow heimkommen, eröffnet man ihnen, dass sie in zwei Wochen in die Heimat zurückkehren – Namibia war 1990 unabhängig geworden. „Ich war enttäuscht, weil ich die Schule nicht beenden konnte, aber fand es spannend, bewusst nach Afrika zurückzukehren. Doch wir hatten das Afrika-Bild der Deutschen. Wir träumten vom Dschungel und den Früchten, die wir vom Baum pflücken konnten. Aber als wir dann über Namibia flogen, und nur Sand und Sand sahen.…“

Naita und ihre Mitschüler waren dann die ersten schwarzen Kinder an einer deutschsprachigen Schule. „Wir waren wie die Kokosnuss, außen schwarz, innen weiß. Wir waren selbstbewusst und diskussionsfreudig.“ Das kam natürlich nicht überall gut an. Bis zu ihrem 20. Lebensjahr wollte sie eine Deutsche bleiben. Erst bei einem Studienaufenthalt in Österreich sei sie zur Namibierin geworden. „Als ich aus Österreich zurückkam, habe ich mich auf Namibia gefreut und 2000 konnte ich mein Land auf der Expo in Hannover vertreten.“

Heute arbeitet Naita Hishoono für das Namibia Institute for Democracy (NID), das die Koordination der Zivilgesellschaft in Namibia übernommen hat. Dafür ist sie mit ihren Erfahrungen gut gerüstet.

(Erschienen im gedruckten Tagesspiegel vom 22.02.2008)

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Gruppe2

Willkommen im Bruderland?

Als Gastarbeiter in der DDR

Katrin Zeug | 7.4.2009

Nicht nur im Westen gab es Gastarbeiter/innen. Um Arbeitskräfte für die steigende Produktion zu gewinnen, schloss die Regierung der DDR staatliche Abkommen mit ihren sozialistischen Bruderländern. Die ersten so genannten Vertragsarbeiter/innen kamen 1968 aus Ungarn. Dann folgten Arbeiter/innen aus Algerien, Kuba, Vietnam, Angola und Mosambik. Zur Wende waren es über 90.000, die in Wohnheimen untergebracht lebten und an den umliegenden Produktionsorten arbeiteten. Ihre Lebensbedingungen variierten stark. Je nachdem, was ihre Regierungen ausgehandelt hatten, durften manche studieren, anderen wurden bei der Einreise in die DDR die Pässe abgenommen und sie bekamen für ihre Arbeit nur eine Art Taschengeld – der Rest des Lohnes ging an die Heimatregierungen, zum Teil auch, um Schulden bei der DDR zu begleichen.

Oft war das Deutsch der Vertragsarbeiter/innen schlecht und der Kontakt zu Einheimischen untersagt – feste Bindungen oder gar Familien sollten gar nicht erst entstehen. Nach spätestens fünf Jahren, so der Plan, sollten die Vertragsarbeiter/innen wieder weg sein. Doch mit der Wende kam es anders. Viele der Fabriken schlossen und die "Brüder" verloren mit ihrem Job auch ihren Aufenthaltsstatus. Die meisten verließen Deutschland. Nur wer sich selbst versorgen konnte, durfte bleiben. Erst 1997 wurde ihnen ein dauerhaftes Bleiberecht – so wie das der so genannten Gastarbeiter/innen der alten Bundesländer – zuerkannt. Hier erzählen vier DDR-Gastarbeiter/innen ihre Geschichte.

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Ha Le Thu, 43, geboren in Hanoi, Vietnam
Ich wuchs in einem kleinen Haus am Stadtrand von Hanoi auf. Nach der Schule ging ich mit meinen zwei Geschwistern immer beim Kollektiv vorbei; wir holten einen Knäuel Wolle und strickten Handschuhe daraus, um ein wenig Geld zu verdienen. Mit 21 Jahren, 1987, flog ich in die DDR. Ich hatte gehört, dass sie dort Arbeitskräfte suchten und man viel Geld verdienen könne. Als ich ankam, wurde ich in ein Wohnheim in Ahrensfelde gebracht, umgeben von Brachland. 200 Vietnamesen wohnten dort, mein Zimmer teilte ich mir mit zwei anderen Frauen und ich nähte in einer Fabrik im Prenzlauer Berg Lederschuhe. Wenn eine von uns im Wohnheim einen Brief aus der Heimat bekam, lasen wir ihn alle gemeinsam und weinten. Mit der Zeit wurde es besser. Da wir kaum Deutsch sprachen, kamen manchmal vietnamesische Studenten in den Betrieb, die uns beim Übersetzen halfen. Über sie lernte ich meinen späteren Mann kennen. Als die DDR zusammenbrach, verloren wir alle unsere Jobs, nur wer einen neuen fand, durfte bleiben. Ich goss in einer Fabrik Lippenstifte und arbeitete in einem Studentenwohnheim als Putzfrau, Wachfrau und als Briefträgerin. Wenn ich einmal frei hatte, ging ich in die Volkshochschule und lernte Deutsch. Anfang 1992 heiratete ich, noch im selben Jahr bekamen wir einen Sohn und kauften ein Haus in Hellersdorf. Heute geht mein Sohn in die 10. Klasse, seine meisten Freunde sind Deutsche und auch zu Hause sprechen wir Deutsch. Ich fände es schön, wenn er mehr über die vietnamesische Geschichte und Kultur wüsste, aber er interessiert sich eher für Technik.

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Moises Mvuama, geboren 1966 in Uige, Angola
Als ich nach der 10. Klasse in die DDR kam, dachte ich, ich sei im falschen Film. Man hatte uns erzählt, wir kämen zu unseren Brüdern in ein hoch entwickeltes Land, dass wir die Schule fertig machen und dann studieren könnten. Und dann sahen wir diese lächerlichen Ost-Autos und nicht mal die Cola war echt! Als wir ankamen, wurden uns unsere Pässe weggenommen, wir kamen in ein Wohnheim nach Eberswalde und durften keinen Kontakt zu Deutschen haben. Dann wurden wir aufgeteilt: Die einen kamen zum Arbeiten in eine Fleischerei, die anderen, so wie ich, wurden Schlosser. Kontakt zu Deutschen hatten wir nur in der Kirche.
An einem Abend, kurz nach der Wiedervereinigung, lief mein Freund Amadeu Antonio mit anderen aus einer Kneipe zurück zum Wohnheim, als sie von etwa 50 Jugendlichen angegriffen wurden. Amadeu lief nicht schnell genug. Sie schlugen ihn ins Koma, zwei Wochen später starb er. Ab da an trauten wir uns nicht mehr auf die Straße. Zwischenzeitlich versteckten wir uns sogar bei deutschen Freunden, aus Angst, die Nazis könnten ins Wohnheim kommen. Ich fühlte mich sehr hilflos, aber ich blieb, um aufzuklären. Ich begann, in Schulklassen zu gehen und mit den Jugendlichen zu sprechen. Wer sind wir, warum sind wir hier? Meine Frau ist auch Angolanerin, ich lernte sie in den Ferien in der Heimat kennen und konnte sie vier Jahre später, 1994, nach Deutschland holen. Sie arbeitet als Krankenpflegerin und wir haben vier Kinder, die Angola nur aus dem Fernsehen kennen.

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Pedro Frias, geboren 1962, in San Gerán/Holguin auf Kuba
Wenn ich Kubaner treffe, sagen die oft, ich sei mehr deutsch als kubanisch. Pünktlichkeit ist mir wichtig, das habe ich in Kuba bei der Armee gelernt, dem einzigen Ort auf Kuba, wo es Pünktlichkeit gibt. Kurz nach der Wende wollte meine deutsche Frau mit mir nach Kuba ziehen. Sie mag die Wärme und die Art zu Leben dort. Aber ich sehnte mich so nach Deutschland, dass wir nach sechs Monaten wieder zurückfuhren. Schon als ich 1985, mit 23 Jahren, in die DDR kam, erschien es mir wie das Paradies: die Straßenbahnen, die Autos, Badewannen in allen Häusern und so viele Diskos! Der Flug von Kuba weg war wie eine Zeitreise in die Zukunft. Ich wohnte mitten in Berlin. Die ersten drei Monate tat ich nichts außer Deutsch zu lernen, dann arbeitete ich als Dreher. Nach eineinhalb Jahren wurde ich vom Gruppenleiter zum Dolmetscher ernannt und saß danach unzählige Male in Polizeiautos, um zwischen betrunkenen Kubanern und der Polizei zu übersetzen. In dieser Zeit lernte ich auch meine Frau kennen, eine Berliner Verkäuferin. Wir meldeten uns noch vor der Wende zur Hochzeit an. Mittlerweile haben wir drei Kinder, einen Enkel und wohnen in einem Einfamilienhaus in Berlin-Mahlsdorf. Am Anfang lebten viele der anderen Ausländer auch hier in der Gegend, aber es gab zu oft fremdenfeindliche Kommentare und Angriffe am helllichten Tag. Viele unserer Freunde sind darum weggezogen. Ich sehe nicht sehr ausländisch aus und hatte persönlich noch keine schlimmen Erfahrungen. Aber ich merke, wie der Zusammenhalt und die Menschlichkeit nachlassen. Jeder schaut nur noch auf sich, besonders jetzt in der Krise. Vielleicht hat mich meine Frau bald so weit, dass wir doch noch aus Deutschland wegziehen.

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Andrási Nándor-Mátyás, geboren 1951 in Budapest, Ungarn
Mit 18 Jahren und neun Tagen bin ich in die DDR gekommen, es war ein verregneter Donnerstagabend und ein sehr herzlicher Empfang von der Werkleitung und der FDJ. September 1969 war das, wir hatten gerade 40-jähriges Jubiläum. Das Abkommen zwischen unseren sozialistischen Bruderstaaten beinhaltete, dass wir Beruf und Sprache lernen, drei Jahre lang. Als Ungarn kamen wir überall hin: in Schweißereien, ans Montageband, Fräsereien, Lackierereien, in die Sandstrahlerei. Eine harte Arbeit, aber es hat Spaß gemacht. Ich kam ins IFA-Automobilwerk (heute Mercedes) in die Kleinteilpresserei. Eine tolle Zeit mit Arbeit für alle! Wir hatten eine ungarische Band die "Beat-ton" hieß, es gab viele Auftritte und kulturelle Veranstaltungen zusammen mit der FDJ. Unser Wohnheim hieß im deutschen Volksmund "Paprikahaus": Nur Ungarn lebten dort und manchmal war eine deutsche Frau im Schrank versteckt. Als mein Vertrag auslief, musste ich zurück. Ich hatte allerdings bereits ein Kind mit einer deutschen Frau, darum durfte ich wiederkommen, sie heiraten und bleiben. Heute lebe ich noch immer in Ludwigsfelde und bin aktives Mitglied im Verein Ungarische Kolonie Berlin. Ich habe eine neue Freundin und insgesamt drei Kinder. Im letzten Jahr habe ich meine Arbeit verloren, wegen Krankheit, heute lebe ich von Hartz IV. Ich mache noch immer viel Musik. Ich spiele Gitarre und leite seit sechs Jahren eine Trommelgruppe für Jugendliche.

Katrin Zeug schreibt als freie Journaistin vor allem für die Wochenzeitung Die Zeit. Sie lebt in Berlin.

Fotos: Isabel Kiesewetter
 

   
Logo der brandenburgischen Landeszentrale fuer politische Bildung

Gruppe3

Als Arbeitskraft willkommen
Vietnamesische Vertragsarbeiter in der DDR

Sie traten meist in Gruppen auf, die vietnamesischen Vertragsarbeiter. Stets freundlich, immer ein wenig verlegen wirkend, um Unauffälligkeit bemüht und dennoch auffällig in der an Exotik so armen DDR waren die „vietnamesischen Werktätigen“ äußerst willkommen.

Vietnamesische Vertragsarbeiter in der DDR Vietnamesische Vertragsarbeiter in der DDR 

Versprach sich doch die Parteiführung der DDR für ihr marodes Wirtschaftssystem den gleichen Effekt, wie ihn die Bundesrepublik Deutschland Anfang der 50er-Jahre mit dem legendären Wirtschaftswunder erlebte, an dem italienische und türkische Gastarbeiter einen erheblichen Anteil gehabt hatten.
Seit Ende der 1970er-Jahre war die DDR dringend auf Arbeitskräfte angewiesen. Sie bot jungen Menschen aus Mosambik, Angola, Kuba, Polen und Vietnam an, sich in der DDR als Facharbeiter zu qualifizieren, um anschließend für mehrere Jahre als preiswerte Arbeitskraft der maroden Planwirtschaft zur Verfügung zu stehen.
In großer Zahl folgten auch junge Vietnamesen diesem Ruf. Wer im kriegszerstörten Vietnam die Zusage für Ausbildung und Arbeitsplatz in der DDR erhielt, fühlte sich ausgezeichnet und privilegiert.
Oft waren die jungen Frauen und Männer die einzigen Ernährer der Großfamilie in der Heimat. In Vietnam mangelte es an allem, Studien- und Ausbildungsplätze waren rar. Das Land musste seine Schulden zurückzahlen, auch an die DDR, die Nordvietnam im Krieg gegen die USA mit Geld unterstützt hatte.

  Die Großfamilie in der Heimat

Bis 1989 bildeten die Vietnamesen die größte Gruppe der in die DDR geholten Vertragsarbeiter. Sie arbeiteten vor allem in der Leichtindustrie. Zuletzt betrug ihre Zahl knapp 60.000. Das war bei weitem mehr, als die Regierung der DDR ursprünglich geplant hatte. Längst wurden auch Arbeitskräfte ohne Facharbeiterabschluss beschäftigt und Deutsch wurde nur noch in einem Schnellkurs unterrichtet. Als fleißige und zuverlässige Arbeitskräfte waren die vietnamesischen Vertragsarbeiter unverzichtbar geworden.

Mit der steigenden Zahl an Arbeitskräften aus Vietnam wuchsen auch die Probleme. Die durften unter keinen Umständen öffentlich gemacht werden. In einem Regierungsabkommen zwischen der DDR und Vietnam war zwar die Unterbringung in Wohnheimen, die Größe der Zimmer, Anzahl der Betten und Ausstattung präzise geregelt worden, doch die verantwortlichen Betriebe waren mit der Bereitstellung von Wohnraum völlig überfordert. Während der Arbeitszeit erhielten die Vertragsarbeiter eine gut organisierte Rundumfürsorge. Dolmetscher, Betreuer und Überwacher garantierten, dass Normen erfüllt und Arbeitszeiten eingehalten wurden. Wie gut sich die vietnamesischen Kollegen in ihre Brigade eingelebt hatten, war Gegenstand einer stets unkritisch-optimistischen Berichterstattung in Presse und Fernsehen. Die Realität sah häufig ganz anders aus.

Wohnheim von innenReisepass

Im Privaten waren Kontakte mit DDR-Bürgern nicht erwünscht. Auch wurden sie durch die abgeschottete Wohnsituation mit Pförtnern und strengen Besuchsregelungen deutlich erschwert. Wurde eine Vietnamesin trotz Verbots schwanger, musste sie das Kind abtreiben oder in ihr Heimatland zurückkehren. Hilfe bei der Integration in das fremde Land, die Sprache und Kultur, die Sitten und Bräuche gab es offiziell nicht. Obligatorische Brigadeabende und anderen betriebliche Vergnügungen waren kein wirklicher Ersatz dafür.

Der einzige Daseinsgrund der vietnamesischen Vertragsarbeiter für die Dauer ihres meist fünfjährigen Aufenthaltes in der DDR war: arbeiten und Geld verdienen, um die Familie zu Hause zu versorgen. Sie entdeckten eine der vielen Versorgungslücken im Einzelhandel der DDR. Als geschickte Näherinnen und Näher fertigten sie vor allem die begehrten Jeans. Das nicht legale Geschäft florierte. Und es war in der Regel der einzige Kontakt zwischen DDR-Bürgern und Vertragsarbeitern. Beide Seiten waren höchst zufrieden und die stets über-wachende Staatssicherheit tolerierte den bis ins Detail dokumentierten illegalen Handel, solange die Planerfüllung in den Betrieben nicht in Gefahr geriet.    

Als Vertragsarbeiterin in der DDRBetriebsausweis/Arbeitsvertrag

Ebenfalls von der Stasi beobachtet und dokumentiert wurde die stetig zunehmende  Ausländerfeindlichkeit. Sie widersprach völlig dem offiziellen Menschenbild, das im Arbeiter-und-Bauern-Staates und in seinen Medien unermüdlich propagiert wurde. Nach außen durfte  es keine Ausländerfeindlichkeit geben; inoffiziell wurden Neid und Missgunst beobachtet, die zunehmend in Hass und Androhung von Gewalt umschlugen. Gründe dafür lagen auch im Einkaufsverhalten der Vietnamesen, das mit der Mangelwirtschaft der DDR kollidierte.
Der Wortlaut des Regierungsabkommens zwischen der DDR und Vietnam war in der Öffentlichkeit nicht bekannt, ebenso wenig wie die detailgenau festgelegten Einkaufsregelungen.

Fahrräder und Mopeds durften am Ende des Aufenthaltes ausgeführt werden. Fahrräder und Mopeds durften am Ende des Aufenthaltes ausgeführt werden.

Den vietnamesischen Vertragsarbeitern war gestattet, am Ende ihres Aufenthaltes zwei Mopeds und fünf Fahrräder zollfrei auszuführen, heiß begehrte „Luxus-Artikel“ in ihrem Heimatland.

Daneben waren zwei  Nähmaschinen, 150 Meter Stoff und 100 Kilogramm Zucker erlaubt. Der Gegenwert ihres Arbeitsaufenthaltes durfte das Volumen von zwei Kubikmetern und das Gewicht einer Tonne nicht überschreiten. Pro Person war nur eine entsprechende Holzkiste bei der Ausreise gestattet. Darüber hinaus durfte pro Monat ein Paket nach Vietnam geschickt werden.

 

Mit einiger Ratlosigkeit konstatierte die Staatssicherheit der DDR im September 1989, dass „vor allem die vietnamesischen Werktätigen ein immer selbstbewussteres Auftreten zur Durchsetzung ihrer Interessen“ zeigten.

Elementarlehrbuch Deutsch für AusländerDas Problem durchaus erkennend, wurde in einem Bericht die Forderung erhoben, dass „negative Auswirkungen auf die DDR-Bevölkerung, insbesondere durch gezielte Warenabkäufe, durch Erhöhung des Angebotes industrieller Konsumgüter einzuschränken“ sind. Ein Vorhaben, das die marode Wirtschaft des Landes, dem die Arbeitskräfte seit Monaten den Rücken kehrten, nicht erfüllen konnte.   

Nur wenig später fiel die Mauer. Das Regierungsabkommen war hinfällig, die DDR-Wirtschaft brach zusammen und Tausende Vietnamesen standen vor der Entlassung. Ein Land war im Umbruch und vormalige „Freunde“ wurden zu Fremden und Konkurrenten. „Völkerfreundschaft“ und „Solidarität“ erwiesen sich als hohle Phrasen, ein latent vorhandener Ausländerhass brach hervor.    

 

 

Die Wanderausstellung der Brandenburgischen Landeszentrale für politische Bildung, die gemeinsam mit der Integrationsbeauftragten des Landes Brandenburg und dem Song Hong e.V. konzipiert und realisiert wurde, stellt die Situation der vietnamesischen Vertragsarbeiter in der DDR an konkreten Beispielen dar.

Ausschnitte aus Interviews mit ehemaligen Vertragsarbeitern werden durch Dokumente und persönliche Erinnerungsstücke ergänzt. Fotografien, Arbeitsverträge, Ausschnitte aus Stasi-Akten und Zeitungsartikel wurden aus den unterschiedlichsten Quellen zusammen getragen und zeichnen ein differenziertes Bild dieses bis heute weitgehend unbekannten Kapitels jüngerer Geschichte

 

   

Gruppe 4

MUT-Projekt des Monats: Eine Ausstellung des Vereins „Reistrommel“ über ehemalige DDR-Vertragsarbeiter


Auf Initiative des Berliner Vereins Reistrommel entsteht eine Ausstellung, die an die Schicksale der ehemaligen Vertragsarbeiter in der DDR erinnert. Eine längst überfällige Aufgabe, findet die Amadeu Antonio Stiftung – und unterstützt das Vorhaben zusammen mit der stern-Aktion „Mut gegen rechte Gewalt“.


„Ich hatte große Erwartungen an die DDR“, erinnert sich Monique Huyen Luft. In ihren Vorstellungen war das kleine Land schön und ordentlich – das musste ja so sein, schließlich war die DDR viel weiter entwickelt als ihr Heimatland Vietnam. Doch als sie im Februar 1987 auf dem Flughafen Berlin Schönefeld landete, kam der Schock: Überall wirbelten weiße Flocken durch die Luft. „Ich dachte, Verpackungsmaterial aus einer Fabrik würde die Erde bedecken“, erzählt Monique. „Auch die Bäume hatten keine Blätter; ich dachte, sie seien alle abgestorben“. Erst am nächsten Tag erfuhr sie, dass es Winter war, und die weißen Flocken Schnee. Eine kalte, weiße Jahreszeit kannte sie aus Vietnam nicht.

Monique ist eine von insgesamt schätzungsweise 60.000 ehemaligen Vertragsarbeitern aus Vietnam, die seit den 1980er Jahren im Rahmen der „sozialistischen Bruderhilfe“ in den Arbeiter- und Bauernstaat geholt wurden. Weitere Arbeitskräfte, allerdings in weitaus geringerer Zahl, kamen aus Angola, Mosambik, Kuba und anderen Ländern. Was sie in der DDR erwarten würde, wussten die allermeisten nicht, denn weder ihre Heimatländer noch die DDR hatten sie auf die dortigen Lebens- und Arbeitsbedingungen vorbereitet. „Das Thema Vertragsarbeiterinnen und -arbeiter war in der DDR mit einem Tabu belegt“, weiß Linda Förster zu berichten. Die Sozialpädagogin hat die Lebens- und Arbeitsbedingungen kubanischer Vertragsarbeiter wissenschaftlich untersucht. Verlässliche Zahlen über angeworbene Arbeiter, so Förster, seien mit Vorsicht zu genießen, da die bilateralen Regierungsabkommen zwischen der DDR und den entsprechenden Ländern bis kurz vor der Wende geheim gewesen seien und eine Forschung in diesem Bereich sei nicht erlaubt gewesen.

Strenge Überwachung durch die Stasi

„Glück und Friede sei beschieden Deutschland, unserm Vaterland. / Alle Welt sehnt sich nach Frieden, reicht den Völkern eure Hand.“ So heißt es in der zweiten Strophe der Hymne der DDR. Doch das offizielle, von der SED nach außen propagierte Bild von „Solidarität mit den Bruderländern“ hatte mit der Wirklichkeit nur wenig zu tun. Keine Spur von Solidarität und Gleichheit, die in zahlreichen Liedern und Parteireden propagiert wurden. Die zumeist jungen Vertragsarbeiter hatten kaum Rechte und lebten isoliert von der DDR-Bevölkerung in Wohnheimen. Eine Integration in die DDR-Gesellschaft war ohnehin nicht erwünscht, der Arbeitsaufenthalt auf drei bis fünf Jahre befristet. Ihren Lohn durften die Arbeiter nur teilweise ausgeben, der Großteil sollte für die Heimreise gespart werden. Der riesige Spitzelapparat, den das Ministerium für Staatssicherheit wie ein großes Spinnennetz über das kleine Land ausgebreitet hatte, machte auch vor den „Gästen“ nicht halt - die Vertragsarbeiter wurden streng überwacht. Beziehungen der Arbeiter untereinander waren nicht gern gesehen. Bei Schwangerschaften gab es zwei Alternativen: entweder musste abgetrieben werden, oder eine vorzeitige Heimkehr mit drohenden weiteren Sanktionen wurde unausweichlich.

Außerdem waren die Vertragsarbeiter nicht selten fremdenfeindlichen Äußerungen und sogar Übergriffen ausgesetzt. Einen traurigen Höhepunkt dieser rassistischen Anfeindungen stellten die Ereignisse von Rostock-Lichtenhagen dar, knapp zwei Jahre nach der deutschen Wiedervereinigung. Die pogromartigen Ausschreitungen gegen vietnamesische Asylbewerber, deren Wohnhaus im August 1992 von einer Gruppe Neonazis unter dem Applaus hunderter Schaulustiger in Brand gesteckt wurde, waren nur die Spitze eines Eisbergs, der Jahre vor dem Mauerfall schon zu wachsen begann.
 

Der gebürtige Angolaner Augusto Jone Munjunga kam als Vertragsarbeiter ins brandenburgische Eberswalde (Quelle: S. Harmsen)

Längst überfällige Aufklärungsarbeit

Doch abgesehen von diesem spektakulären Vorfall - wer weiß eigentlich heute noch etwas über die Schicksale der ehemaligen Vertragsarbeiter? Kaum jemand, befürchtet der 1993 gegründete Berliner Verein Reistrommel, denn: Die deprimierenden Geschichten passen nicht ins DDR-Bild der Ostalgiker. Entsprechend dürftig fiel auch die Aufarbeitung aus. „Wenn wir 20 Jahre nach dem Mauerfall über die friedliche Revolution nachdenken, wird es Zeit, auch diesen Menschen Gerechtigkeit widerfahren zu lassen“, so Thu Bui vom Vereinsvorstand. Wenn man bedenkt, dass die vietnamesische Minderheit in Ostdeutschland sich nach Kräften um Integration bemüht, wie der Verein immer wieder beobachtet hat, und dass diese Bemühungen von der deutschen Mehrheitsgesellschaft nur selten anerkannt werden, erscheint eine Thematisierung der zum Teil erschütternden Biografien der DDR-Vertragsarbeiter als längst überfällig.

Eine Aufgabe, der sich jetzt der Reistrommel-Verein angenommen hat. Entstehen soll eine Ausstellung, die an Beispielen einzelner Schicksale die Lebenswirklichkeit der Vertragsarbeiter in der DDR, während der Wendezeit mit all ihren Umwälzungen und in der Gegenwart darstellt. Die Amadeu Antonio Stiftung fördert dieses wichtige Vorhaben, da es sich um ein Thema handelt, das bis zum heutigen Tag von der Mehrheitsgesellschaft größtenteils ausgeblendet wird und daher einer besonderen Aufmerksamkeit bedarf. Der Verein, der aus dem Beratungszentrum für ausländische Mitbürger hervorgegangen ist, hat sich zum Ziel gesetzt, die Lebenssituation von ehemaligen vietnamesischen Vertragsarbeitern und deren Familienangehörigen zu verbessern. Und dazu gehört neben der Beratung und Betreuung der Betroffenen auch Aufklärungsarbeit. Denn wie gesagt: in der deutschen Mehrheitsgesellschaft ist nur wenigen Menschen bekannt, unter welchen Bedingungen die Vertragsarbeiter leben mussten. Viele, die in der Ausstellung zu Wort kommen, erinnern sich an schwierige Zeiten. So berichtet Augusto Jone Munjunga, der aus dem durch Bürgerkrieg zerrütteten Angola geflüchtet war, über seine Arbeit im Schlacht- und Verarbeitungskombinat Eberswalde: „Die Arbeit war sehr schwer und schmutzig und hatte mit meiner Qualifikation als Finanzbuchhalter nichts zu tun“. Erst nach Protesten bekamen die Vertragsarbeiter eine Teilfacharbeiter-Ausbildung und etwas mehr Lohn.

Integration: Fehlanzeige

Die wichtigste Grundlage für die Recherchen sind zahlreiche Gespräche mit Betroffenen vor Ort. Da die vietnamesische Community mit Abstand die größte Gruppe darstellt, und auch aufgrund der Vereinsstruktur konzentriert sich die Ausstellung auf die Biografien vietnamesischer Vertragsarbeiter. Doch mit der Zeit kam der Wunsch auf, auch Betroffene aus Angola, Mosambik und Kuba mit einzubeziehen. „Die Schicksale ähneln sich ja, und da wollten wir auf weitere Stimmen und Eindrücke nicht verzichten “, erzählt Susanne Harmsen. Die freie Journalistin hat die Recherchearbeiten für die Ausstellung in die Hand genommen und war selbst erstaunt über manches Ergebnis. Zum Beispiel hat sie herausgefunden, dass die DDR-Bevölkerung in keiner Weise auf die Ankunft der neuen Arbeiterinnen und Arbeiter vorbereitet wurde: „Die Arbeiter wurden angeworben und in eigenen Wohnheimen untergebracht“, so die Journalistin, „doch warum sie von heute auf morgen gekommen waren, darüber verlor die DDR-Führung kein Wort“. Und wie stand es generell mit der Integration der Neuankömmlinge in die Mehrheitsgesellschaft? Auch hier: Fehlanzeige. So kam es zwangsläufig zu Spannungen: Die Vertragsarbeiter waren hoch motiviert und dem entsprechend fleißig, von Planerfüllung beispielsweise hatten sie vorher noch nichts gehört.

Besonders erstaunlich ist, dass selbst viele Kinder dieser ehemaligen Vertragsarbeiter kaum etwas über die Umstände der Übersiedlung ihrer Eltern in die DDR wissen. „Teilweise hängt es damit zusammen, dass ein Großteil der Ex-Vertragsarbeiter bis heute nur wenig Deutsch spricht, während sich die Kinder größtenteils sehr gut in die deutsche Mehrheitsgesellschaft integriert haben und daher fließend Deutsch, aber kaum Vietnamesisch sprechen“, erklärt Susanne Harmsen. So wurde schließlich auch die Zielgruppe für die Ausstellung erweitert, die sich nun nicht mehr nur an die deutsche Mehrheitsgesellschaft richtet, sondern auch an die Kinder derjenigen, um die es geht. Geplant ist eine zweisprachige Präsentation auf Deutsch und Vietnamesisch, und Harmsen wagt sogar einen Schritt weiter zu denken: „Vielleicht bekommen wir durch die Kontakte des Vereins ja auch einmal die Möglichkeit, unsere Ausstellung in Vietnam zu zeigen“.

Zunächst jedoch wird sie im November 2008 vor Ort in Berlin präsentiert. Die Arbeit ist zwar schon weit vorangeschritten, aber es fehlen noch wichtige Details: „Wir haben viel Material gesammelt und mit der damaligen Ausländerbeauftragten von Brandenburg über die Thematik gesprochen, doch als Ergänzung zur besseren Veranschaulichung sind wir noch auf der Suche nach persönlichen Gegenständen, beispielsweise nach Briefen oder Zeichnungen“, erzählt Tamara Hentschel, die als Geschäftsführerin des Vereins für die Ausstellungskoordination verantwortlich ist. Geplant ist auch, ein originalgetreues Wohnheimzimmer einzurichten, um den Besuchern einen möglichst authentischen Eindruck von den Wohnverhältnissen der Arbeiter zu vermitteln.
 

Der Betriebsausweis von Augusto Jone Munjunga (Quelle: A. J. Munjunga)

 

Pogromartige Stimmung in den neunziger Jahren

Als die DDR 1989 zusammenbrach, war plötzlich niemand mehr für die Vertragsarbeiter zuständig. Die Herkunftsländer waren nicht auf ihre Rückkehr eingerichtet, und die Betriebe der DDR entließen die ausländischen Arbeiter – oft auf Druck von Seiten der deutschen Arbeitnehmer – als erste. Nicht einmal in de Wohnheimen konnten sie bleiben, die Zimmer wurden ihnen gekündigt. Erst nach sieben Jahren konnte für ca. 20.000 ehemalige Vertragsarbeiter ein Bleiberecht in Deutschland errungen werden, während die übrigen Betroffenen in ihre Herkunftsländer zurückkehren mussten.

Für diejenigen, die blieben, begann eine unsichere, mitunter auch gefährliche Zeit: Unsicher, weil es in den wirtschaftlich ohnehin schwierigen neunziger Jahren alles andere als einfach war, einen Job zu finden. Gefährlich, weil die während der DDR-Herrschaft noch versteckte Feindseligkeit gegenüber Migranten nach der Wende in offenen Hass umschlug, der sich unter anderem, aber nicht nur, aus dem tiefen Unsicherheitsgefühl in der Bevölkerung speiste. „Bei unseren Recherchen in Magdeburg erinnerten sich ehemalige Vertragsarbeiter an die pogromartige Stimmung“, erzählt Susanne Harmsen. Im Spätherbst 1989 musste die Polizei regelmäßig vor einigen Betrieben patrouillieren, um die Migranten vor Übergriffen zu schützen. Die Vietnamesen wurden damals sogar mit Bussen direkt zur Arbeitsstelle gebracht, damit sie dort unversehrt ankamen.

Jan Schwab

   
zur Info http://www.telegraph.ostbuero.de/3_4-98/teschner3.htm
   
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Gruppe 5

Die importierten Fleißarbeiter

Mauerspechte. Das Polaroid-Foto, das Nguyen Thi Tam aus ihrer Handtasche hervorgekramt hat, zeigt sie, ihren damaligen Mann und ihren kleinen Sohn, die zusammen an der Berliner Mauer stehen. Der Sohn hält einen Hammer in der Hand. "Das war, als die Mauer fiel", kommentiert Tam.
 
Sie ist die erste, die sich nach einigem Zögern hingesetzt hat auf die Couch, hier im Beratungszentrum des Vereins "Reistrommel" in Ahrensfelde. Um von ihrer DDR-Zeit zu erzählen. Weil es darüber jetzt eine Ausstellung gibt. Als erstes hat sie verkündet: "Mein Deutsch ist sehr schlecht - wir brauchen einen Dolmetscher." Aber der kommt nicht. Und wenig später wird sie Sätze sagen wie "Mein Sohn hat Medizintechnik in Lübeck studiert" und "letzte Woche habe ich 007 im Kino gesehen." Wir brauchen erst mal keinen Dolmetscher.
Tam kam 1989 als Vertragsarbeiterin aus Hanoi in die DDR. Es war Sommer, als sie am Flughafen Schönefeld aus der Maschine stieg. Sie erzählt von ihrem Gedanken gleich nach der Ankunft: "Hier will ich bleiben!"

90 000 Vertragsarbeiter

In jenem Jahr, 1989, erreichte die Zahl der Vertragsarbeiter aus anderen sozialistischen Staaten in der DDR mit über 90 000 ihren Höhepunkt. Rund zwei Drittel davon kamen aus Vietnam, über 15 000 aus Mosambik, weitere aus Angola, Kuba, China, Nordkorea, Algerien, Ungarn und Polen.
Tams damaliger Ehemann, in früheren Jahren in der DDR ausgebildet, kehrte schon zwei Jahre vor seiner Frau aus Vietnam in die DDR zurück, man brauchte ihn als Gruppenleiter und Dolmetscher für die Vertragsarbeiter in Zwickau. Dort wurde Tam später eine Arbeit in einem Betrieb für Kinderbekleidungsherstellung zugewiesen, sie wohnten in einem der Wohnheime für vietnamesische Vertragsarbeiter. "Unser Sohn konnte kein Wort Deutsch, aber er fand dort Kinder zum Spielen." Das erste Wort, das er aufschnappte, war "schnell". Er kam nach Hause und sagte "schnelllllll!", und er rollte dabei die Zunge über die Oberlippe. Tam lachte und sagte: "Du brauchst die Zunge dabei nicht rauszustrecken." Sie selbst hatte vor ihrer Abreise in einem Kurs Deutsch gelernt.
Schon vor 1980 kamen Vietnamesen in die DDR, sie studierten dort und wurden ausgebildet. Der Einsatz von Vertragsarbeitern begann aber erst nach der Unterzeichnung des Regierungsabkommens zwischen der Sozialistischen Republik Vietnam und der DDR vom 11. April 1980.
Am Anfang erhielten die Vertragsarbeiter noch eine Berufsausbildung, später wurde mit ihnen überwiegend der Mangel an Arbeitskräften in der DDR gedeckt. Sie wurden für unqualifizierte und oft schwere Arbeit oder Fließbandarbeit eingesetzt - unabhängig von ihrer Qualifikation und Schulausbildung. Tam kam als studierte Ingenieurin.
Auch die Sozialistische Republik Vietnam war daran interessiert, junge Bürger als Arbeitskräfte in die DDR zu schicken: Nicht nur, um der Arbeitslosigkeit in Vietnam entgegenzuwirken, sondern auch, um die Devisen zur Abzahlung der Staatsschulden zu erwirtschaften. So wurden von den DDR-Betrieben zwölf Prozent des Bruttolohns der Vertragsarbeiter einbehalten und an die vietnamesische Regierung überwiesen.
Auf der Couch hat auch Chu Thi Nhan, 51, Platz genommen. Sie hat die ganze Zeit über nichts gesagt, sondern weiter auf den Dolmetscher gewartet. Nun kommt Nguyen Thi Lien, 59, auch ehemalige Vertragsarbeiterin, und übersetzt: Nhan habe bis drei Tage vor ihrer Abreise 1988 nicht gewusst, dass sie fortgehen würde. Sie musste ihre 9-jährige Tochter zurücklassen. Nhan, ausgebildete Krankenschwester, kam nach Karl-Marx-Stadt, dem heutigen Chemnitz, um in einem Glühlampenwerk zu arbeiten. Lien hatte in Zittau studiert - "Kraftwerkanlagebau. Sehr männlich", erklärt sie und lacht.
Sie wurde 1987 als Dolmetscherin für die Vertragsarbeiter in einer Schuhfabrik nach Schwedt delegiert. Im Wohnheim sei alles "nagelneu" gewesen, sagt sie. Die Frauen sagen nichts Schlechtes über die Vertragsarbeiter-Wohnheime. Über die Realität und Regeln in diesen Häusern erfährt man von Tamara Hentschel mehr. Die Vorsitzende des Vereins Reistrommel hatte als Betreuerin in einem dieser Wohnheime in Ostberlin gearbeitet. Die Bewohner, die dort in Mehrbettzimmern pro Schlafplatz fünf Quadratmeter Platz zur Verfügung hatten, wurden streng überwacht, ab 22 Uhr herrschte Ausgehverbot. Familienzusammenführungen waren ebenso wenig erwünscht wie Integration. In der Regel erhielten die Vertragsarbeiter einen Fünfjahresvertrag, nach Vertragsende mussten sie nach Vietnam zurückkehren. Frauen, die schwanger wurden, mussten entweder abtreiben, oder sie wurden abgeschoben.

Nach der Wende

Dann brach die DDR zusammen. Ein großer Teil der Vertragsarbeiter kehrte in ihre Heimat zurück. Schätzungsweise 15 000 Vietnamesen blieben. Sie waren die ersten, die in den Betrieben ihre Jobs verloren. Die Wohnheime wurden nach und nach geschlossen, die Vertragsarbeiter standen buchstäblich auf der Straße. Für sie begann eine Zeit der Unsicherheit, der Zugang zu Arbeit blieb ihnen zunächst verwehrt. Diese Zeit trieb viele in die Illegalität, auch in den Zigarettenhandel. Ein Beschluss der Innenministerkonferenz 1993 beinhaltete eine Arbeitserlaubnis und eine befristete Aufenthaltsbefugnis. Ein großer Teil machte sich darauf selbstständig, gründete Imbissstuben, Restaurants, Blumenläden, verkauften Gemüse und Obst. Tam, die Ingenieurin, kam nach Berlin, arbeitete zuerst in Weißensee in einer Dönerbude, dann verkaufte sie Zeitungen, dann Kuchen, dann Kleider. "Wir haben so ziemlich alles versucht." In Berlins Ostbezirken leben etwa 8000 ehemalige Vertragsarbeiter, manche davon zogen nach der Wende aus den ostdeutschen Bundesländern her. Auch Nhan und Lien kamen nach Berlin und verkauften Kleidung auf der Straße.
Sie kennen das Wort "Skinheads", solche hätten ihnen die Kleider, mit denen sie handelten, manchmal entrissen. Sie blieben trotzdem. Warum? Sie sagen, in Vietnam wäre es noch viel schwieriger gewesen mit ihrer Existenz.
Die Vietnamesen haben einen Schutzengel, er heißt Tamara Hentschel. Nachdem ihr Job als Wohnheimbetreuerin gekündigt wurde, gründete sie mit Hilfe des Missionswerks der evangelischen Kirche eine Beratungsstelle für die vietnamesischen Vertragsarbeiter. Sie kämpfte für Bleiberechte. Gegen die Abschiebung. Gegen die wachsende Ausländerfeindlichkeit. Dafür, dass die Vietnamesen wieder für eine günstige Miete in den alten Wohnheimen wohnen konnten. 1993 gründete sie den Verein Reistrommel. Tamara Hentschel hat nie aufgehört, bis heute. Für dieses Engagement wurde sie 2003 mit dem Bundesverdienstkreuz geehrt.

Die zweite Generation

Jetzt, knapp zwanzig Jahre, nachdem die Zeit der Vertragsarbeiter endete, hat der Verein Reistrommel diesem Stück DDR-Geschichte eine Ausstellung gewidmet: "Bruderland ist abgebrannt". Diese erzählt vom Alltag der Vertragsarbeiter, wie sie hierher kamen, und wie es ihnen nach der Wende erging. Projektkoordinatorin Susanne Harmsen recherchierte und trug viele solcher Lebensgeschichten zusammen. Nach und nach kamen auch Zeitzeugenberichte aus anderen Herkunftsländern wie Angola und Mosambik dazu. Filme und Audioberichte und eine nachgebaute Schlafecke aus einem Wohnheim ergänzen die Schautafeln, zudem erzählen ehemalige Vertragsarbeiter vor Ort aus ihrem Leben.
Und heute? Tam, Nhan und Lien reden von Hartz IV, aber das seien die wenigsten, sagt Tamara Hentschel. Die meisten hätten mit ihren eigenen Läden und Restaurants ihre Nische gefunden, überhaupt ihr eigenes Netzwerk ohne Deutsche. Die Frauen erzählen von ihren Kindern: Tams Sohn kehrte nach dem Medizintechnik-Studium nach Vietnam zurück. Er arbeite dort erfolgreich mit ausländischen Firmenpartnern zusammen. Tams früherer Ehemann kehrte auch zurück in die Heimat, schon lange. Nhan und Lien konnten ihre Kinder erst nach der Wende nach Deutschland holen. Nhans Tochter hat Betriebswirtschaft studiert, sie und Lien haben bereits Enkelkinder.
Es ist auch diese zweite Generation, um die sich der Verein Reistrommel kümmert. Sie sind gut in der Schule, die Kinder der Vertragsarbeiter, überdurchschnittlich viele besuchen ein Gymnasium. Fleiß ist bei Vietnamesen Mentalität. Für viele bedeutet das aber auch Druck und Überforderung. Meist müssen sie sich nach der Schule um jüngere Geschwister kümmern, während die Eltern 16 Stunden am Tag arbeiten, auch am Wochenende. Und sie müssen im Geschäft mit anpacken. Dort kämpfen ihre Eltern mit der sinkenden Kaufkraft und Preisdumping. Für echtes Familienleben bleibt keine Zeit. Manche rebellieren, wenn sie in die Pubertät kommen, weil sie sich ein anderes, eigenes Leben wünschen - und die enttäuschten Eltern reagieren mit Unverständnis. "Uns bleibt weiterhin viel zu tun", sagt Tamara Hentschel.
Ausstellung "Bruderland ist abgebrannt" zur Geschichte der Vertragsarbeiter: Wörlitzer Straße 3a, Havemann-Center, 1. OG. 21. November bis 30. Dezember, Mo. und Mi. 16 - 20 Uhr, Di., Do., Fr. 11 - 15 Uhr. Infos: www.reistrommel-ev.de
   

DIE ZEIT, 10.08.1973 Nr. 33

Gruppe 6

Die Gastarbeiter kommen aus den sozialistischen Bruderländern

In der DDR heißen sie Freunde

Von Marlies Menge

Das Gastarbeitersproblem beschäftigt nicht nur die Bundesrepublik, sondern auch andere Länder. Wie sie es zu lösen versuchen, zeigt diese Artikelreihe. Die ersten Folgen schilderten die Lage in Schweden, in der Schweiz und in Frankreich. Hier nun geht es um die Situation in der DDR. Sie heißen Marika, Ilona und Marietta und kommen aus Györ, Szombathely und Budapest. Sie sind drei von den .140 Ungarinnen und 60 Ungarn, die seit etwa einem Jahr in dem DDR-Städtchen Neuhaus im volkseigenen Röhrenwerk Transistoren fertigen. Gastarbeiter im Wirtschaftswunderland DDR. Doch „Gastarbeiter" darf niemand sie nennen, sie heißen „ausländische Freunde", zumindest in den DDR- Zeitungen. ■

„Was ist der grundlegende Unterschied zwischen dem in den kapitalistischen Ländern bestehenden Gastarbeitersystem und der von den sozialistischen Ländern organisierten Arbeitskräftekooperation?" fragte Jozsef Rozsa, Hauptabteilungsleiter im Ministerium für Arbeitswesen der Ungarischen Volksrepublik, im letzten Jahr in der DDR-Zeitschrift ^Wirtschaft und hatte auch gleich die Afitwort parat: „Er besteht darin, daß im Kapitalismus die wirtschaftliche Unterentwicklung verschiedener Länder die Arbeitskräfteemigration erzwingt. In den sozialistischen Ländern gibt es keinen solchen Zwang. Diese Länder— -so auch Ungarn — können die Vollbeschäftigung der Bevölkerung im arbeitsfähigen Alter gewährleisten. Sie suchen diese Zusammenarbeit deshalb, weil dadurch die betreffenden Arbeiter die Möglichkeit erhalten, ihre beruflichen Kenntnisse zu erweitern und zusätzliche Erfahrungen im Umgang mit der modernen Technik zu sammeln. Der Einsatz in einem anderen Land erleichtert darüber hinaus das Erlernen einer Sprache, das Kennenlernen des Lebens in dem sozialistischen Partnerland.

Die genaue Zahl der ausländischen Arbeiter in der DDR ist nicht bekannt. Ungarn und die DDR schlössen 1967 ein Abkommen, in dem die ungarische Regierung sich bereit erklärte, 13 000 Arbeiter in die DDR zu schicken — das erste größere Kontingent ausländischer Helfer.. Erich Honecker sagte in einem Interview mit der New York Times Ende letzten Jahres, daß 13 000 Ungarn und 12 000 Polen in der DDR arbeiten. Kenner glauben, daß es weit mehr sind. Dazu kommen noch kleinere Gruppen aus der Tschechoslowakei, aus Bulgarien, Rumänien. Sie sollen nicht nur ihren Beruf, die deutsche Sprache und Land und Leute besser kennenlernen, vor allem sollen sie der DDR ihre Arbeitskraft zur Verfügung stellen. Denn die Bevölkerung der DDR ist überaltert. Zudem wächst sie nicht in dem Maße, wie eine aufstrebende Industrienation sich das wünscht. Außerdem hat es auch Nachteile, daß die eigenen Arbeiter sich so tüchtig und andauernd qualifizieren, da bleiben nur wenige für die unqualifizierteren Arbeiten. Nicht von ungefähr ist ein Großteil der arbeitenden Gäste zum Beispiel im Dienstleistungsgewerbe tätig, als Köche und Kellner, als Zimmermädchen und Verkäuferinnen. Die meisten jedoch arbeiten in Betrieben und lassen sich dabei weiterbilden.

Doch auch' sie kommen nicht nur der beruflichen Weiterbildung und der schönen deutschen Sprache wegen ins sozialistische Bruderland. Als das DDR-Fernsehen, neulich junge Ungarn nach ihren Beweggründen fragte, für bestimmte Zeit in der DDR zu arbeiten, nannten zwar viele den Wunsch, Deutsch zu lernen, wichtiger aber schien ihnen das deutsche Geld, das sie verdienen können; und sie verdienen besser als zu Hause. Etwa 75 Prozent von ihnen haben einen monatlichen Bruttodurchschnittsverdienst von 500 Mark, 23,7 Prozent der Ungarn verdienen mehr als 700 Mark im Monat. „Mit den ersten deutschen Sprachkenntnissen und dem zweiten Lohn habe ich mir ein Motorrad gekauft", erzählte stolz ein junger Ungar.

Die in der DDR arbeitenden Ausländer sind meist zwischen 18 und 25 ■Jahre alt, ihre Arbeitsverträge laufen über zwei bis drei Jahre. Sie sind ihren Kollegen aus der DDR gleichgestellt, was Lohn und gesellschaftliche Zuwendungen betrifft, Wie sie können sie an der beruflichen Weiterbildung teilnehmen, können einen Beruf in der DDR erlernen, Facharbeiter können ihre fachlichen Kenntnisse erweitern. Sie können in sozialistischen Brigaden (Arbeits-Wettbewerbsgruppen) arbeiten, den Titel eines Jungaktivisten erringen.

Zucht, Ordnung und Sitte

Auch zwischen Polen und der DDR existiert ein Regierungsabkommen, das den Austausch von Arbeitskräften regelt. Die Polen stellen drei Gruppen von Arbeitern in der DDR: Da sind zunächst die Pendel-Arbeiter, die jeden Tag die deutsch-polnische Grenze überschreiten, um in DDR-Betrieben im Grenzgebiet zu arbeiten. Dieses Arrangement besteht seit den frühen sechziger Jahren. Sie arbeiten im Bräunkohlebergbau, die Frauen in Gaststätten und in Fabriken. 40 Prozent der Belegschaft des Görlitzer Zweigwerks des VEB-Kombinats Pentacon zum Beispiel sind polnische Frauen. Die zweite Gruppe gehört zu polnischen Firmen, die in der DDR an bestimmten Projekten arbeiten. Die Ölleitung Schwedt-Leuna etwa ist mit solcherart polnischer Hilfe entstanden. Die dritte Gruppe ist die neueste, nämlich die, die in DDR-Städten angesiedelt wird, um für Jahre im Arbeitsprozeß der DDR eingesetzt zu werden.

In Ostberlin arbeiten — verteilt auf zwölf Betriebe — etwa 650 Polen. Kürzlich fragte sich ein Reporter der (Ost-)Berliner Zeitung zu dem Haus im Hans-Loch-Viertel durch, in dem sie untergebracht sind: „Hier sollen polnische Arbeiter wohnen ..." — ;,Ja, dort drüben, haben ein ganzes Haus, so an die sechshundert." — „Und was sagt man dazu?" — „Ach Gott, wir haben uns an die neue Nachbarschaft gewöhnt. Die Beziehungen sind soweit ganz gut. Man hört ja viel von deutsch-polnischen Liebschaften und so. Na, wie die Jugend halt ist. Die sechshundert polnischen Kollegen sind doch alle ledig. Sie arbeiten in drei Schichten, und wenn sie nach Hause kommen, darin wollen sie wie unsereins nicht .gleich ins Bett. Was, sollen sie unternehmen? In unserem Wohngebiet ist da nicht viel los. So feiern sie halt manchmal zu Hause, und abends singen sie immer."

Jadwiga Walerczuk sieht das ganz anders, zum Feiern hat sie kaum Zeit. Sie will sich qualifizieren, aber um die Fachbücher zu verstehen, muß sie Deutsch können. Sie lernt es in der Volkshochschule Prenzlauer Berg, „auch wenn es durch die Schichtarbeit ein bißchen schwerfällt". Mindestens einmal im Monat fährt sie nach Hause, das Fahrgeld beträgt nur 40 Mark. , Wiktor Sosnowski teilt sich eine Dreizimmerwohnung mit sieben anderen Polen. Der Betrieb, das Transformatorenwerk „Karl Liebknecht" in Berlin-Oberschöneweide, hat die Wohnung möbliert, sie ist ferngeheizt und kostet pro Mann, einschließlich Gas und Strom, 30 Mark im Monat. Wiktor wurde 1952 in Przasbysz in der Nähe von Warschau gei»oren, ging zur Schule, wurde Schlosser. Und dann hieß es in seinem Betrieb: Wer Lust hat, eine Weile in der DDR zu arbeiten, soll sich in der Verwaltung melden. Offenbar erfüllte Wiktor die beiden von der DDR gestellten Bedingungen: abgeschlossene Berufsausbildung und ein ordentlicher Lebenswandel.

Im Oktober 1971 kam er nach Ostberlin. Er ist einer von 58 polnischen Facharbeitern, die im Transformatorenwerk arbeiten. Wenn Wiktor gerade nicht arbeitet, versucht er, sich zurückzuziehen, was in einer Dreizimmerwohnung für acht Personen nicht so ganz einfach ist. Er liest gern — Belletristik und Geschichte, hört Musik — Beethoven, Duke Ellington, Glenn Miller. Vom Ostberliner Reporter befragt, ob er zu Hause eine Verlobte habe, sagt er: „Das ist schon sehr Privates. Nicht gut für Zeitung. Sie verstehen?" Und dann folgt eine leise Beschwerde: „Leider gibt es Anordnungen — vielleicht dadurch hervorgerufen, daß wir in Gemeinschaftsunterkünften leben —, die uns versagen, unsere Berliner Freunde so zu empfangen wie sie uns. Das ist manchmal peinlich und manchmal ärgerlich." Und er überlegt: „Es wird so sein: Die Leitung will Zucht, Ordnung und Sitte im Hause haben. Aber wir sind doch erwachsene Arbeiter und wissen, was Ordnung und Sitte ist."

Mag sein; daß Wiktor Sosnowski es wirklich weiß, doch nicht alle ausländischen Gäste in der DDR scheinen es zu wissen. „Manchmal verhalten sich Jugendliche nicht so, wie es sich für Staatsbürger des sozialistischen Ungarn geziemt", klagte Dr. Jözsef Rozsa vom Ministerium für Arbeitswesen der Ungarischen Volksrepublik in der Wirtschaft. Dabei kommen die DDR-Bürger mit den Ungarn im Land noch ganz gut zurecht, weil sie unter sich bleiben, sich eher von den deutschen Kollegen absondern. Sie bilden eigene Beatkapellen, eigene Fußballmannschaften, lassen sich die Haare über Gebühr lang wachsen, trinken manchmal ein bißchen über den Durst. Die ungarische Presse sah darin ein „Zeichen vorübergehender Entwurzelung".

Daß fast ein Viertel der in die DDR gereisten jungen Arbeiter vor Ablauf des Arbeitsvertrages nach Ungarn zurückgeht, erklärt man „mit den in familiären Verhältnissen eingetretenen ■Veränderungen, .eventuell mit dem.in der 'Zwischenzeit aufgekommenen Heimweh und in bestimmten Fällen auch damit, daß, die Lebensund Arbeitsbedingungen in der DDR nicht den Erwartungen der Jugendlichen entsprechen".

Sehr viel schlechter sind DDR-Bürger auf ihre polnischen Kollegen zu sprechen. DDR-Zeitungen wollen nicht wahrhaben, wie ärmlich es mancherorts noch um die deutsch-polnische Freundschaft bestellt ist. Immer wieder entwerfen sie ein Bild trauter Gemeinsamkeit, beschreiben deutsch-polnische Brigaden, deutsch-polnische Fußballmannschaften, deutsch-polnische Freundschaftstreffen.

Polen auf Mädchenjagd

Als Polens Parteichef Gierek im Juni Honecker besuchte, traf er sich auch mit polnischen Arbeitern aus Ostberliner Betrieben, ließ sich von ihnen bestätigen: „Wir fühlen uns hier zu Hause. Die Arbeit macht Freude, und mit unseren Kollegen aus der DDR verstehen wir uns gut." Und in seiner mit Honecker gemeinsam verfaßten Deklaration hieß es: „Besondere Bedeutung messen beide Staaten der Entwicklung von Kontakten zwischen der Jugend beider Länder bei, die die Zukunft des Sozialismus in der Deutschen Demokratischen Republik und der . Volksrepublik Polen verkörpert. Große'Aufmerksamkeit werden sie auch künftig der Erziehung der Jugend im Geiste des proletarischen Internationalismus und der brüderlichen Verbundenheit mit den Völkern der sozialistischen Staatengemeinschaft widmen."

In privatem Kreise beschweren sich DDR-Bürger jedoch häufig über die polnischen Freunde. Böse nennen sie sie „Pollacken": „Immer treten sie in Horden auf, nehmen uns unsere Mädchen weg, und dann schlagen sie uns auch' noch zusammen!" Nach Tanz Vergnügungen kommt es manchmal zu wahren Straßenschlachten zwischen Polen und Deutschen. „Und dabei hilft unsere Polizei dann lieber den Polen als uns", beklagte sich bitter ein junger Mann aus der DDR.

Wenn DDR-Publikationen überhaupt Spannungen zwischen Polen und Deutschen zugeben, so schieben sie die Schuld daran erst mal den Deutschen in die Schuhe, nehmen sie — und nur sie — in die sozialistische Bruderpflicht. Da fuhr zum Beispiel ein Reporter der Studentenzeitschrift Forum nach Cottbus zum VEB-Kombinat Schwarze Pumpe, wo etwa 500 Polen arbeiten. Er könnte von gemeinsamen Sportfesten, Schießturnieren, Jugendtänzen und Aktivtagungen berichten, doch die Gemeinsamkeiten haben Grenzen: „Zwar verbringen die Freunde einen großen Teil der Freizeit gemeinsam, aber auf GST- {Gesellschaft für Sport und Technik) Motorrädern dürfen keine polnischen Freunde fahren. Sie trinken zwar ihr Bier zusammen, aber in den Wohneinheiten ist hier ein deutscher, dort ein polnischer Eingang." , _;

Die Animosität zwischen DDR-Bürgern und Polen hat sich seit dem 1. Januar letzten Jahres noch verstärkt. An diesem Tag nämlich wurde der visafreie Verkehr zwischen der DDR und den sie umgebenden sozialistischen Staaten eingeführt. Polnische Arbeiter in der DDR mußten büßen, wofür sie gar nichts konnten: Allein im Jahre 1972 besuchten rund 10 Millionen ihrer Landsleute die DDR und kauften die Warenhäuser leer. Wenn Ostberliner in der Berliner Zeitung lasen, daß der Kaufhausdirektor'des polnischen Grenzstädtchens Zary klagte: „Monatlich kaufen DDR-Touristen allein in unserem Kaufhaus 50 Teppiche, von den vielen Anoraks und Lederjacken'gar nicht zu reden", dann mußte das für sie wie Hohn klingen, ebenso wenn in derselben. Zeitung sieh ein Pole, beschwerte, -daß ein DDR-'Tourist ihm vor der Nase die letzten Büchsen Spargel, das letzte Glas Pfifferlinge weggeschnappt habe. Denn Polinnen kamen busweise zum Centrum-Warenhaus am Ostberliner Alexanderplatz und kauften, was ihnen unter die Finger kam* und es soll vorgekommen sein, daß Polinnen, die nicht bekamen, was sie wollten, die Verkäuferin „Nazischwein!" schimpften.

Immerhin gibt es auch Beispiele für gutes deutsch-polnisches Einvernehmen. So stehen zum Beispiel polnische Männer hoch in der Gunst der jungen Mädchen der DDR — sehr zum Leidwesen ihrer männlichen Landsleute. Die drei polnischen' Grenzgänger Märian, Antek und Johann zum Beispiel, die täglich ins DDR-Städtchen Weißwasser zum Arbeiten fahren, lernten als erstes fünf deutsche Wörter: Arbeit, Montage, Essen. Außerdem ..Klasse und einwandfrei, und die beiden letzten. Wörter bezogen sich auf ihre Freundinnen aus der DDR: Inge, Andrea und Jaqueline. Und auch von umgekehrten Beispielen wird berichtet: Als Krystyna Rok aus Bronowice ihren Gerd aus der DDR zum erstenmal sah, konnte'sie.kein Wort Deutsch und er kein Wort Polnisch. Inzwischen haben sie einen gemeinsamen Familiennamen und eine kleine Susanne. Vorher gab es allerdings Ärger mit den Großmüttern: „Muß es denn eine Polin sein? Gibt es nicht bei uns auch ganz schöne Mädchen?" fragte zum Beispiel Gerds Großmutter.

In Frankfurt/Oder schlössen bis Ende letzten Jahres 23 Polinnen mit 23 DDR-Bürgern den Bund fürs Leben. Die (Ost-)Berliner Zeitung gibt zu: ;i Natürlich führt nicht jeder Flirt zur Ehe. Alte Vorurteile, geboren aus jahrhundertealter, von den herrschenden Klassen genährter Feindschaft zwischen Polen und Deutschen, sind eben nicht so schnell ausgeräumt."

Immer wieder wird an Vergangenes erinnert. Wenn ein junger Pole seine DDR-Freundin zur Mutter macht, ohne sie zu heiraten, nennt die DDR-Bevölkerung das: die Rache für Warschau. „Wieso sollen wir eigentlich dauernd für das büßen, was unsere Väter ind Urgroßväter verbrochen haben?" empörte sich ein junger Mann aus Ostberlin, dem seine Freundin auf solche Weise abhanden ; gekommen war, „es ist ja in Ordnung, daß man uns imrner wieder ermahnt, die Polen . und wir seien sozialistische. .Brüder. Schön und gut — aber wenn man schon dauernd von Brüdern redet, dann wollen wir von denen gefälligst - auch" endlichmal als Brüder behandelt werden!"