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virtuelles Geschichtsheft für den Unterricht am städtischen
Louise-Schroeder-Gymnasium in München
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Die Affäre Ludwig I und Lola Montez |
Berliner Zeitung vom
24.11.1998 Ein König und seine AnregungenÜber Lola Montez und Ludwig I. anläßlich einer Ausstellung des Münchner Stadtmuseums Von Stephan Speicher Am 7.Oktober 1846 wurde Ludwig I., dem bayrischen König, zur Audienz gemeldet eine Senora Maria de los Dolores Porris y Montez. Von der Schönheit dieser Dame wurde Gewaltiges erzählt. Sie erhielt Einlaß, fiel in Ohnmacht, und zumindest vom König kann verbindlich gesagt werden, daß er die Sinne verlor. Tage später bereits besuchte er seine Spanierin im Hotel und bekannte sich offen zu ihr als seiner Geliebten. Er verschaffte ihr Auftritte als Tänzerin im Hof- und Nationaltheater, dann ein Palais in der Maxvorstadt, das bayrische Indigenat (Staatsbürgerschaft) und ein Adelsprädikat. München, ob adlig, bürgerlich oder plebejisch, war entsetzt. Drei Regierungen mußten der Favoritin wegen zurücktreten, zuletzt der König selbst im März 1848.Die Affäre Lola Montez war die grellste, die Deutschland im 19.Jahrhundert erlebte erreicht allenfalls von der umwitterten Verbindung Ludwigs II. mit Richard Wagner, die die Zeitgenossen immerhin so sehr an die des ersten Ludwig erinnerte, daß sie von Wagner als "Lolus" sprachen. Zum Jubiläum der 48er Revolution lag dem Münchner Stadtmuseum also ein fetter Happen vor der Tür; und frisch und kregel, wie man im Stadtmuseum ist, wurde der gleich zubereitet. Das Ergebnis, Ausstellung wie Katalog, ist hochamüsant und mehr. Denn die Krise, die Ludwig mit seinem "Lolismus" auslöste, führte die innere Schwäche der Restaurationszeit vor Augen. Was das frühe 19.Jahrhundert war, das läßt sich in der Verschränkung von Reaktionärem und Neuem an diesem Fall wunderbar beschreiben. Ludwig I. war 60 Jahre, als ihn der Blitz der Liebe traf. Er hielt sein Herz für "ausgebrannt", nun faßte ihn "Leidenschaft wie nie zuvor". Der König war immer schon ein merkwürdiger Mann gewesen. Zum Ruf Münchens als Kunststadt trug er mehr bei als jeder andere. Zugleich ergab er sich der Poesie und schrieb Gedichte. Das war noch nicht ungewöhnlich, auch Friedrich der Große hatte das gemacht. Aber dessen Gedichte waren mehr oder weniger geschickte Beispiele einer höfischen Formkunst. Ludwig dagegen, ganz im Bann der Genieästhetik, wollte aus seinem inneren Erleben dichten. Dichter zu sein, der im Gedicht sein Innerstes nach außen kehrt, und König, der das Allgemeine repräsentiert, das mußte zum Problem werden. Lola Montez war der Fall, an dem das Problem ins Öffentliche wuchs. Aus der Peinlichkeit mal dröger, mal unfreiwillig komischer Reimereien, die der König auch nie zu veröffentlichen unterlassen hatte (immer bei Cotta in der Ausstattung der Schiller-Ausgabe), wurde der Skandal. Denn daß der Monarch durch die Tänzerin so erschüttert wurde, das hing mit seinen poetischen Aspirationen zusammen, so jedenfalls, wie er die Poesie auffaßte. Schon bald nach Ludwigs ersten Begegnungen mit Lola hatte das Reden eingesetzt. Die katholischen Bischöfe sahen das mit Sorge, und so schrieb am 9.Februar 1847 der König dem Erzbischof von Breslau und Primas der deutschen Kirche als Rechtfertigung: "Ich bin König, aber ich bin auch Dichter und lege auf meine poetische Anregung und Begeisterung einen hohen Werth."Das Verhältnis zu Lola Montez dürfe man "nicht nach dem gewöhnlichen Maßstabe meßen und beurtheilen". Es war sicher nicht allein die Poesie, die den auch sonst unternehmungslustigen Ludwig zu Lola führte. Aber die für einen König merkwürdige Enthemmtheit, mit der er dies Verhältnis auch öffentlich zelebrierte die Intimitäten "hinter der Hecke" im Englischen Garten, an die Ludwig Lola später, nach der endgültigen Trennung, sehnsuchtsvoll erinnert, gehen weit ins Exhibitionistische , diese Enthemmtheit ist nur denkbar bei einem Mann, der sich nicht mehr als Stellvertreter der göttlichen Gewalt versteht, sondern als Mensch. Der Mensch aber in seinem emphatischen Sinne kommt zur Erscheinung im Künstler, zumindest in Ludwigs schwärmerischer Vorstellung vom Künstlertum. Der preußische Außenminister, als er 1847 München besuchte, war moralisch nicht kleinlich gegenüber der Liaison eines Königs mit einer Tänzerin: "Das ist nicht lobenswert, doch ist es möglich, dabei zu bestehen, wenn die Geschichte in gehörigen Schranken bleibt. Aber diese Verknüpfung von Regierungssystem und Verliebtheit in eine vagabundierende Grazie, das ist eine neue Erscheinung; und damit zu bestehen ist ebenso unmöglich wie mit Sonetten in heutiger Zeit zu regieren. "In der Tat versuchte Ludwig, den Lolismus, wie es schon hieß, ins Hofleben zu integrieren. Der erste Schritt war die Verleihung des Indigenat (Bürgerrechts). Die streng konservativ-katholische Regierung unter von Abel weigerte sich. Darauf wurde das Kabinett entlassen und durch ein neues ersetzt, das "Kabinett der Morgenröte". Lola Montez war zu einem Vehikel der Liberalisierung geworden; erstmals war erster Minister des Königreichs ein Protestant. Interessanterweise gab es für die Entscheidung Lob von verschiedenen Seiten; daß dem politischen Katholizismus in Bayern ein Ende gemacht sei, fand auch der preußische König rühmenswert. Doch auch das neue Kabinett Maurer kam bald in Schwierigkeiten, als Lola geadelt werden sollte. Ein drittes Kabinett trat an unter Oettingen-Wallerstein. Mittlerweile war die öffentliche Stimmung auch wegen der bekannten Verschwendungsfreude Lolas scharf antilolistisch. Als Joseph Görres, Professor der Münchner Universität und bester Kopf des politisch-katholischen Deutschlands, im Januar 1848 starb, verbot die Regierung den Studenten einen Fackelzug. Das heizte die Stimmung an, nun wollte der König die Universität für das Sommersemester schließen. Das wieder gefährdete die Einkünfte vieler Bürger, die von den Studenten lebten. Längst waren nahezu alle Gruppen im Antilolismus vereint. Um die Dynastie zu retten, stieg Ludwig am 20.März 1848 vom Thron. Bayern hatte seine Revolution gehabt; wo es in Berlin und Wien grundsätzlich politisch wurde, war die Stimmung in München durch das frühe Gewitter Lola Montez bereinigt. Nur im Herbst 1848 gab es noch einmal Unruhen, als der Bierpreis erhöht wurde. Herzog Max traf die Sache aus Wittelsbacher Sicht sehr genau, als er urteilte: "Wir alle in Bayern sind der Lola wohl viel Dank schuldig, denn ohne sie wäre es noch nicht zum Bruche gekommen; nur schade, daß alles aus einer so schmutzigen Quelle kömmt. "Es bleibt die Frage, warum ein König über eine solche Affäre stürzen konnte. Das Mätressenwesen war immer Bestandteil der Höfe, was hatte sich geändert? Zunächst war Lola Montez nicht die Person, auf die die königliche Huld hätte fallen dürfen. Sie war eine echte Abenteuerin, hatte schon eine Menge hinter sich, das stärkte ihre Bereitschaft zur Durchbrechung aller Konventionen. Daß sie rauchte, war für eine Dame unerhört das Stadtmuseum trägt hübsche Stücke zu diesem Thema zusammen. Vor allem war sie nicht adlig.
Stattgarter Zeitung vom 18.11.1998
Die Flucht der Lola Montez und die Revolution am FaschingssamstagEine Ausstellung im Münchner Stadtmuseum beleuchtet augenzwinkernd Rolle und politische Bedeutung der Mätresse des Bayernkönigs Ludwig I. Reden und Feierlichkeiten zum Gedenken an die Revolution vor 150 Jahren sind verklungen. Doch am Ende des Jahres, in dem Deutschland sich an die Vorgänge von 1848 erinnert, setzt München mit einer Ausstellung über Lola Montez einen ironisch angefärbten Schlußpunkt. Von Rolf Linkenheil, München Die Forderungen der Revolutionäre im März 1848 nach einer verfassungsmäßig garantierten Erweiterung der bürgerlichen Rechte, nach Pressefreiheit, öffentlicher Gerichtsbarkeit und einer Änderung der Landtagswahlordnung rüttelten in der bayerischen Landeshauptstadt nicht am monarchischen System. Eine tiefverwurzelte Achtung vor dem König als einer unantastbaren Instanz konnte keine Revolutionshelden - wie etwa Friedrich Hecker in Baden - gebären. Die Erhitzung der Gemüter zwang jedoch die wohl berühmteste Mätresse eines Monarchen des 19. Jahrhunderts, die rauchend und peitscheschwingend mit ihrem Bluthund durch Münchens Straßen zu ziehen pflegte, aus der Stadt zu fliehen: Lola Montez. Ohne sie mochte Ludwig I. nicht mehr König sein. Freiwillig dankte er ab, beseelt von der Hoffnung, in den Armen der Angehimmelten, befreit von den Fesseln des Amtes andernorts sein Glück zu suchen. Daraus ist nichts geworden. Doch so oder so - die weiß-blaue Dynastie der Wittelsbacher überstand die Affäre schadlos. Ludwigs ältester Sohn Maximilian warf sich im Beisein der königlichen Familie seinem Vater zu Füßen, um sich krönen zu lassen. Die Bayern hatten weiterhin einen König. Nach dem Tod Maximilians II. bekamen sie sogar einen "Märchenkönig", Ludwig II. "Lola Montez oder die Revolution in München" ist der Titel einer Ausstellung, in der das Stadtmuseum augenzwinkernd und doch seriös die Frau, die sich als spanische Tänzerin ausgab, in ihren gesellschaftlichen Rollen zu porträtieren versucht. Nach der Auffassung von Museumschef Wolfgang Till und dem Gestalter der Ausstellung, Thomas Weidner, spielen konservativ gesinnte Historiker die Leidenschaft König Ludwigs I. für die dunkelhaarige und blauäugige Frau in ihrer politischen Bedeutung ungebührlich herunter. Für Weidner sind die intimen Kontakte des US-Präsidenten Bill Clinton zur Praktikantin Monica Lewinsky ein laues Lüftchen im Vergleich zur stürmischen Hingabe Ludwigs I. an die Bolero-Tänzerin. Am 5. Oktober 1846 kam die 1821 als Elizabeth Rosanna Gilbert in einem irischen Dorf geborene Lola Montez nach München. Zuvor war sie als spanische Tänzerin durch Europa getingelt. Die Kavaliere lagen ihr nicht nur zu Füßen. Ihren Geburtsort hatte sie nach Sevilla verlegt; den Nachnamen entlehnte sie vom berühmtesten Stierkämpfer seiner Zeit, Francisco Montes. Sie bemühte sich um ein Engagement am Münchner Hoftheater, wurde aber abgewiesen. Erst nachdem sie bis zum König vorgedrungen war, durfte Lola auf die Bühne. Ludwig war Feuer und Flamme für sie. Publikum und Kritiker amüsierten sich eher über "die wahrhaft känguruhartigen Sprünge der Schönen". Nach zwei Auftritten beschloß Lola, die Mätresse des Bayernkönigs zu werden. Ludwig kaufte seiner Geliebten ein Palais und finanzierte ihren aufwendigen Lebensstil. Für schöne Frauen und klassische Bauten war ihm nichts zu teuer. Ansonsten galt er als Geizkragen. Sein Leben lang trug er denselben Hausrock. Das gute Stück, mit Flicken übersät, begegnet dem Besucher der Ausstellung in einer Vitrine am Eingang. Der Weg führt weiter in ein abgedunkeltes Kabinett, in dem die intimsten der intimen Briefe zu lesen sind, die Lola und der König in keineswegs astreinem, aber deutlichem Spanisch wechselten. In nahezu pubertärer Art begeistert sich der 60jährige Monarch über einen Abdruck von Lolas Mund auf dem Papier, hält er ihn doch für ein bißchen etwas anderes. Glückselig teilt er "Lolitta" seine Erregung mit. Aus dem Briefwechsel geht, darauf macht Thomas Weidner aufmerksam, auch eindeutig hervor, daß das Verhältnis zwischen der Tänzerin und dem Herrscher über Bayern keineswegs platonisch war, wie Biographen behaupten, die das Unsägliche nicht wahrhaben wollen. Ludwig selbst schreibt an Lola, daß er sich nach einer Wiederholung dessen sehnt, was ihn zweimal so entzückte. Seine Leidenschaft, die er mit einem Ausbruch des Vesuv vergleicht, rechtfertigte der Vater von neun Kindern gegenüber der Geistlichkeit mit dem Hinweis, er sei ein Dichter, der neuer Anregung bedürfe. Als alles vorbei war und Lola in den Armen anderer Liebhaber lag, reimte der abgedankte König: "Den besten Freund, der jemals Dir geworden,/Du stießest treulos ihn von Dir, /Verschlossen waren Dir des Glückes Pforten,/Bloß folgend Deiner lüsternen Begier." Zwei unnachahmliche Erinnerungsstücke sind der Nachwelt überliefert: der Abguß von Lolas Fuß und der Rest ihrer letzten Zigarette, die sie vor ihrer Vertreibung aus München rauchte. Rauchen auf der Straße war bis zu den ersten Unruhen 1847 verboten. Eine öffentlich rauchende Frau gar bedeutete eine unverzeihliche Provokation. Maximilian Graf von Arco-Zinneberg erhaschte sich vor ihrer überstürzten Abreise Lolas letzten Stummel. Der Fußabdruck, den Ludwig in Verehrung der Tanzkunst vom Fuß der Geliebten in Auftrag gab, stammt jedoch von der Venus von Milo. Lolas Fuß war so verkrüppelt, daß der Künstler das echte Werk dem König nicht zumuten wollte. Ein wenig Revolution fand in München auch über die Vertreibung Lolas hinaus statt. Am 4. März 1848 erstürmte eine Menschenmenge das Zeughaus. Es war der Faschingssamstag. Auf zeitgenössischen Stichen sind die Revoluzzer mit mittelalterlichem Rüstzeug wie Hellebarden oder gar Morgensternen abgebildet. Effektivere Waffen gab es da nicht. "Die historische Armierung verlieh dem revolutionären Straßenzug den Charakter einer karnevalistischen Veranstaltung", schreibt Weidner im Ausstellungskatalog. Prinz Karl, der Bruder des Königs, stellte sich zu Pferd dem aufgeregten Volk und versprach, daß die Vertreter der Stände zum 16. Mai einberufen werden. Kein Revolutionsgeschrei, sondern "Vivat"-Rufe erschallten; die Münchner trugen ihre Waffen zurück ins Zeughaus. Auf einer zeitgenössischen Karikatur mit dem Titel "Der Bayer zapft an" sind die März-Forderungen nach Pressefreiheit und Volksvertretung auf der Spundwand eines Bierfasses aufgelistet. Auf eine mit rotem Tuch drapierte Säule haben die Ausstellungsmacher ein Bierfaß gestellt - eine Statue tiefster bajuwarischer Verehrung. Bis 31. Januar 1999 täglich außer Montag geöffnet. Katalog: 48 Mark
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