Entwicklungen im wirtschaftlichen und sozialen Bereich

 

Lohnentwicklung im Deutschen Reich 1871-1913

 

nach Desai

nach Kuczynski

nach Brown Hopkins

 

Geld-
löhne

Lebens-
kosten

Real-
löhne

Geld-
löhne

Lebens-
kosten

Real-
löhne

Geld-
löhne

Lebens-
kosten

Real-
löhne

1871

70

106

66

78

95

82

75

103

72

1875

98

113

87

97

104

93

96

107

90

1880

82

104

79

82

104

79

84

109

77

1885

87

99

88

88

96

92

90

97

93

1890

98

102

96

100

103

97

100

105

95

1895

100

100

100

100

100

100

100

100

100

1900

118

106

111

115

105

110

113

105

108

1905

128

112

114

122

113

108

120

115

104

1910

147

124

119

139

126

110

136

128

106

1913

163

130

125

153

137

112

148

136

109

(Vergleich unterschiedlicher Schätzwerte, 1895 = 100)

A. V. Desai: Real Wages in Germany 18711913, Oxford 1968, S. 36

  Anteil Deutschlands an der Weltindustrieproduktion

 

Großbritannien

Deutschland

Frankreich

Russland

USA

1880 28 13 9 3 28
1900 18 16 7 6 31
1910 14 16 7 5 35
1913 14 16 6 6 36

 

nach J. Kuczynski: Das große Geschäft, die Verbrechen des Deutschen Imperialismus, Berlin 1957, S.48

Die Struktur der Gesamtbeschäftigung nach Wirtschaftsbereichen im Deutschen Reich 1870-1913

 

Periode

Landwirt-
schaft, Fortstwirt-
schaft, Fischerei

Bergbua und Salinen

Industrie und Handwerk (a)

Verkehr (b)

Handel, Banken, Versiche-
rungen, Gaststätten

häusliche Dienste

sonstige Dienstlei-
stungen einschließ-
lich Verteidi-
gung

Beschäf-
tigte insgesamt

Anteil der Beschäfti-
gten an der Bevölke-
rung

%

1000

%

1861/71

50,9

1,3

26,3

 

7,2

8,8

5,5

16450

43,0

1878/79

49,1

1,4

27,7

2,0

6,6

7,7

5,5

19416

43,7

1880/84

48,2

1,6

28,2

2,1

6,9

7,5

5,5

19992

43,7

1885/89

45,5

1,6

30,7

2,3

7,2

7,1

5,6

21302

44,7

1890/94

42,6

1,8

32,4

2,6

7,9

6,7

6,0

22651

45,1

1895/99

40,0

2,0

33,7

2,8

8,7

6,4

6,4

24277

45,3

1900/04

38,0

2,4

34,4

3,1

9,7

5,8

6,6

26043

45,1

1905/09

35,8

2,6

35,1

3,5

10,6

5,6

6,8

28047

45,2

1910/13

35,1

2,8

35,1

3,6

11,0

5,2

7,2

30243

46,0

(a) Bis 1913 einschließlich des technischen Personals von Post undEisenbahnen
(b) Bis 1913 ohne teonisch Personal on Post und Eisenbahnen.

W. G. Hoffmann. Das Wachstum der deutschen Wirtschaft seit Mitte des 19. Jahrhunderts, Berlin/Heidelberg/New York 1965, S.35

Kohle und Eisenerzvorkommen in Europa 19. Jahrhundert

 

Eisenbahn 

Die in den 1830er und 40er Jahren begonnene Eisenbahnrevolution ging noch immer weiter. Das Schienennetz stieg von 14787km (1886) über 42069km (1890) auf 63378km (1913). Die Transportleistungen stiegen dabei von  3,14 Mrd. Personenkilometern und 3,68 Mrd. Tonnenkilometern (1866) auf 41,4Mrd. und 67,7 Mrd. (1913).

Trotz dieses Anstiegs nehmen die Investitionen nach 1870 wieder deutlich ab und die Eisenbahn verliert immer mehr an Bedeutung in Investitionsangelegenheiten.

Aktien als Kapitalbeschaffung - In England die Regel
in Deutschland die Ausnahme - hier dominiert die Personengesellschaft eines Unternehmers

         

Jedoch decken die Überschüsse, die die preußischen Eisenbahnen einbringen 1885/89 9,0%; 1895/99 16,0% und 1905/09 5,5 % der Staatseinnahmen.

Durch die hohen Bedürfnisse an Eisenprodukten, Maschinen und Kohle und dadurch, dass sie Rohstoffe, Kohle und Maschinen an einem Ort zusammenbringen konnte, trieb sie die Industrialisierung im Kaiserreich erheblich an. Auch ermöglichte sie den Aufstieg neuer Industriezentren in den Provinzen und ermöglichte durch die 1884 eingeführten Arbeiterwochenkarten und durch viele Lokalzüge das „Pendeln“.

Der anfangs privat organisierte Eisenbahnbau und das Eisenbahnwesen wurde, nachdem das Interesse des Staates 1873 geweckt worden war, endgültig von den jeweiligen Einzelstaaten übernommen (1871 10000km staatlich, 11000km privat; 1880 26414km staatlich, 5884km privat; 1890 38203km staatlich, 3292km privat).

Jedoch war eine Übertragung der Bahnen auf das Kaiserreich nicht möglich.

Straßenverkehr

Auch der Straßenbau profitierte vom Eisenbahnbau, da die Straßen für den Pferde-Nahtransport zu und von den Bahnhöfen ausgebaut werden mussten. Obwohl der Straßenbau für die öffentlichen Investitionen praktisch keine Rolle mehr spielte, wuchs das Straßennetz von 115000km (1873) auf 230000km (1913).

In den Städten selbst entstanden die ersten Straßenbahnlinien mit circa 1,8 Mrd. Personenkilometern (1889).

Schifffahrt

Binnenschifffahrt    

Die Binnenschifffahrt war der härteste Konkurrent der Eisenbahnen, da sie das billigste Transportmittel mit der zehnfachen Transportleistung der Eisenbahn war. Der Anstieg der Leistung  hat sich von den 1860er Jahren bis 1930 mit 15,85 Mrd. Tonnenkilometern knapp verzehnfacht. Durch die technischen Fortschritte im Bereich des Schiffbaus und der Hafenanlagen und durch den Bau zahlreicher Kanäle, blieb sie durchaus konkurrenzfähig mit der Eisenbahn.

Seeschifffahrt

Auch die Seeschifffahrt expandierte und wurde von der fünft – zur zweitgrößten Handelsflotte der Welt (1. England) mit einem Anstieg von 988000 Bruttoregistertonnen (1871) auf 5400000 Brt (1913). Dazu führte vor allem die Einführung von Eisen und Stahl als Hauptbaumaterial, die das Holz ablösten.

  Kombination Segelschiff mit Dampfmaschine

 Quellen: Gesellschaft im Aufbruch; Wolfram Siemann; Suhrkamp Verlag; 1. Auflage

               Deutsche Geschichte 1866 - 1918; Thomas Nipperdey; Verlag C.H.Beck; 2. Auflage 1991