virtuelles Geschichtsheft für den Unterricht am städtischen Louise-Schroeder-Gymnasium in München                                 

vor 3000 3000 - 800 800v. - 500n. 500 - 1500 1400 - 1789 1789-1848 1815-1914 1890-1914 1914-1918 1918-1939 1939-1945 1945 - 1990 seit 1990
Frühgeschichte Hochkulturen Antike Mittelalter Aufklärung-Absolutismus Revolutionen Nationalstaaten Imperialismus Weltkrieg I Zwischen den Weltkriegen Weltkrieg II Kalter Krieg Gegenwart
                         

Startseite

Impressum Unterrichtsmaterial Sitemap Arbeitstechniken Didaktik m@scholl online       Deutschland Europa Amerika Asien Afrika

Die Lösungsversuche der sozialen Frage und die internationale Arbeiterbewegung

  In England bilden sich als erstem Land Selbsthilfeorganisationen der Arbeiterschaft, die Gewerkschaften (Trade Unions).  
1824 1824 werden sie mit der Anerkennung des Koalitionsrechts ( = Freiheit sich zu Verbänden und Vereinen zusammenzuschließen) zu legalen Einrichtungen. In Frankreich (Syndicats) erhalten die Arbeiterverbände dieses Recht 1864, in Deutschland 1869.  
1868

1868 entstehen in Deutschland der liberale Hirsch-Dunckersche Gewerkschaftsverein, die Freien Gewerkschaften, die der SPD nahe stehen, und 1894 christliche Gewerkschaften, unterstützt von der Zentrumspartei. Sie fordern die Verbesserung der Lohn- und Arbeitsbedingungen, leisten Hilfe in Notfällen und verwenden den Streik als Kampfmittel.
Weitere Selbsthilfeeinrichtungen sind Konsumvereine und genossenschaftliche Organisationen, wie die geplanten Produktionsgenossenschaften Lassalles (S.•), die Einkaufs-, Verkaufs- und Kreditgenossenschaften, die Hermann Schulze-Delitzsch (1808-93) für Handwerker und Friedrich Wilhelm Raiffeisen (1818-88) für die bäuerliche Bevölkerung in Deutschland einrichten. Die Kirchen appellieren an die christliche Nächstenliebe und an das Gewissen der Besitzenden, Papst Leo XIII. (1878-1903) ruft in seiner Sozialenzyklika »Rerum Novarum« 1819 zur christlichen Verantwortung für die Armen auf. Bischof Wilhelm Ketteler (1811-76) von Mainz tritt für staatliche Hilfe an sozial Schwache ein. Theodor Fliedner eröffnet 1836 die erste Diakonissenanstalt, die sich zusammen mit der »Inneren MissionK (1848 gegründet) und der katholischen »Caritas« (1897 gegründet) der Alters- und Krankenhilfe annimmt. Johann Wichern (1808-81) gründet in Hamburg das »Rauhe Haus« für Waisenkinder, und Friedrich von Bodelschwingh (1831-1910) übernimmt die Betheler Anstalten. Daneben kommt es 1846 zur Bildung von katholischen Gesellenvereinen des Pfarrers Adolf Kolping (1813-65) sowie zur Einrichtung von evangelischen (1882) und katholischen Arbeitervereinen (1884). 1878 wird in England die Heilsarmee von William Booth gegründet. Vereinzelt haben auch sozial gesinnte Unternehmer, wie Robert Owen (1771-1858) in England, Friedrich Harkort, Alfred Krupp und Ernst Abbe in Jena (Zeiß-Werke) durch betriebliche Maßnahmen (Betriebskrankenkassen, Altersversorgung, Werkskantinen und -wohnungen) soziale Verbesserungen erreicht.
Entscheidende Bedeutung für die politische Arbeiterbewegung gewinnt die Lehre von Karl Marx (1818-83) und Friedrich Engels (1820-95), die im »Kommunistischen Manifest« (1847) verkündet und in dem Werk »Das Kapital« von Marx (1867-83) dargestellt ist. Im Gegensatz zum »utopischen Frühsozialismus« der Franzosen Saint Simon (1760-1825), Louis Blanc (1811-82) und Pierre Proudhon (1809-65, "Eigentum ist Diebstahl"), bezeichnet Marx seine Lehre als »wissenschaftlichen Sozialismus«, da er der Auffassung ist, dass der Geschichtsprozess gesetzmäßig verlaufe, daher zu erkennen und vorherzusagen sei. Nach seiner Lehre führt die Ausbeutung des Arbeiters zu einer zunehmenden Verelendung der Massen, da der Unternehmer diesen den Mehrwert ihrer Arbeit vorenthält, aber auch zur Konzentration des Kapitals in wenigen Händen. Dies führt zur Überproduktion und zu Krisen, die den Zusammenbruch des Kapitalismus erzwingen. In dieser Phase übernimmt das »Proletariat (lat. proles = Nachkommenschaft) die Herrschaft, enteignet und vergesellschaftet die Produktionsmittel (= Proletarische Revolution). Die Entwicklung endet in der klassenlosen kommunistischen Gesellschaft, dem Endzustand der Geschichte, in dem Gerechtigkeit und Menschlichkeit der Gesellschaft wiedergewonnen werden. Dieser HistoMat, die Steuerung aller Entwicklungsprozesse durch Klassenkämpfe zwischen Besitzern und Nichtbesitzern der Produktionsmittel (historische Materialismus) ist neben der Steuerung aller menschlichen Entscheidungen durch materielle Bedürfnisse (Materialismus) die Grundlage der marxistischen Philosophie. Diese politische Richtung unterteilt entgegen der Zeitströmung die Menschen nicht in Nationen, sondern in Klassen. Diese Klassen (Proletarier und Kapitalisten) stehen einander über nationale Grenzen hinweg einander in einem Klassenkampf gegenüber. Die Proletarier müssen sich über Staatsgrenzen hinweg organisieren. Damit stehen alle nationalistischen Strömungen in diametralem Gegensatz zum Marxismus und sehen in diesem den Feind.
Die Soziale Frage wird erst durch die Proletarische Revolution gelöst. Alle, die die Lebensbedingungen der Arbeiter in kleinen Schritten verbessern wollen (Evolution) verhindern die Bereitschaft zur Revolution, sind deshalb nach Marx Feinde der Arbeiterklasse und ihrer Partei. Diese Auseinandersetzung tritt in der SPD im so genannten Revisionistenstreit deutlich zu Tage.


Wilhelm Ketteler


Karl Marx


Friedrich Engels


Ferdinand Lasalle